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Der Israelit · 1889-11-14 · Heft 89 (14.11.1889) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 89 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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1540 Sammelplätze abgehen. Bei seinem Anblicke erblaßte die Gräfin, auch ihr Mann zuckte nervös zusammen, galt es doch den einzigen Sohn, den Träger ihres alten, erlauchten Geschlechtes dem Vaterlande zu opfern und unwillkürlich preßten sich die Herzen zusammen. Beide Gatten schauten sich wie rathlos an, die Gräfin begann zu schluchzen und die Mutter schien die Patriotin verdrängen zu wollen. Graf Bogumil zupfte seinen martialischen Schnurrbart und Severin kniete zu den Füßen seiner Mutter nieder. Sein Gesicht war auffallend blaß, in seinem Auge flimmerte etwas wie eine Thräne, er that sich aber Gewalt an, um seiner Rührung Herr zu werden. Der alte Graf wandte sein Gesicht ab, und Gräfin Wanda drückte mit leidenschaftlicher Geberde ihren Sohn an die Brust. Durchs Fenster fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, Severtn's Haar mit Goldfäden durchwirkend, der Graf trat auf ihn zu und „stehe auf" kam es vibirirend über seine Lippen. Er kämpfte seine Erregung nieder und fuhr fort: „Hier sind Thränen nicht am Platze, und wir dürfen uns nicht erweichen. Wenn es gilt das Vaterland zu retten, muß die Stimme der Natur schweigen. Wenn unsere Brüder ihr Blut verspritzen, dürfen wir nicht nachstehen, sondern müssen ihnen mit leuchtendem Beispiel vorangehen. Wir Adeligen haben dem Vaterlande gegenüber mehr Pflichten als der Bauer und Städter und wenn die alte Handwerkersfrau ihren Sohn in's Feld schickt und sich ihrer Stütze fürs Alter beraubt, darf die Gräfin gewiß nicht murren und im Entsagen von Niemandem sich beschämen lassen. Und somit, Severin, ziehe mit Gott. Du gehst in den heiligsten Kampf, und ich bin überzeugt, daß Du Deinem Namen keine Unehre machen wirst. So weit als möglich lasse uns Nachrichten zukommen und bediene Dich der Vermittlung unseres Gutspächters David Mayer. Du weißt es, er ist uns mit Leib und Seele zugethan, er besitzt mein volles Vertrauen, ja sogar meine Achtung. Ich habe sozusagen diese Familie als Erbstück übernommen, und Mayer erwies sich immer meines Zutrauens würdig. Ich weiß zwar nicht, ob das Herz des Juden für unsere Sache wärmer schlägt, das aber steht fest, daß der Pächter Mayer für den Grafen O. keine Opfer scheuen würde. Das Corps, zu welchem Du zugetheilt werden wirst, ist bestimmt in der Nähe der Grenze zu operiren und somit wird Dir für alle Wechselfälle Mayer's Haus ein Stützpunkt sein können. Und nun komme in meine Arme. Hier dieser Kuß ist der des Vaters und dieser hier der des Polen. Alles, Alles opfere ich meinem Lande, und möge es Gottes Wille sein, daß Du zu dessen Befreiung beitragest." Severin stand in aufrechter, stolzer Haltung. Sein zierlicher Oberkörper stak in einem knappen Schnürrocke, die breiten, faltenreichen Beinkleider wurden am Knie von Stiefelschäften gehalten, um die Taillie trug er einen kostbaren Gurt, auf dessen Silberschnalle der polnische Adler in Relief prangte, und in der Hand hielt er die nationale Konfedrothe Mütze. Er ließ sich noch einmal auf's Knie nieder, schlug schwärmerisch seine großen Augen auf und mit einer feierlichen Geberde erhob er seine Rechte: „Hier schwöre ich, würdig des Namens, den ich trage, zu kämpfen und zum Ruhme meiner Vorfahren mein Scherflein beizutragen." Er erhob sich rasch vom Teppich, die Mutter hängte ihm ein geweihtes Amulet als Talisman um den Hals, noch ein Kuß, er entwand sich ihrer Umarmung und rauschend fiel hinter ihm die schwere Portiöre zu. Mit dem, ihrem mütterlichen Herzen sich entringenden Aufschrei „moje jedyue dziecko“ — mein einziges Kind — sank Gräfin Wanda auf's Sopha. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit- und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagSundDonnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 ReichS-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu bestehen bei E. F. Strinacker. Leipzig, Doßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichischr Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 ReichS-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hanptblatt): Leitende Artikel: Perek Schirah. — Die Schaffung eiues preußischen Staatsjudenthums. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Leipzig. Emden. Löknitz. — Oest.-Ung. Monarchie: Prag. Brünn. — Feuilleton: Anfang und Ende. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Die bisher spurlos verschwundene Frau Rabb. Auerbach aus Jerusalem. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Breslau. Floß. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: 2 mal Preßburg. Aus Ungarn. Pest. Päpa. Galantha. — Italien: Aus Florenz. — Rumänien: Bukarest. — Palästina: Jerusalem. — Marokko Aus Mogador. Inhalt der Gxtra-Beilage: Amsterdamer Spenden-Verzeichnisse, Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz — Expedition deS „JSraeltt" und „Jeschurun" Schottstratze Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wtrth'schen Hosbuchdruckerei (OScar Lehmann) in Mainz. Hierzu zwei Beilage«.

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