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Der Israelit · 1889-11-14 · Heft 89 (14.11.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 89 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1589 nicht gemächliche Spaziergänger flaniren, und alles bot eine ungewöhnliche, nicht alltägliche Physiognomie. In kleinen Gruppen sammelten sich die jungen Leute an, sprachen geheimnißvoll heftig gesticulirend, indeß ihre Augen aufleuchteten und in ihren Gesichtern eine leidenschaftliche Aufregung sich ansdrückte. Ein vielsagender Blick, ein stummer Händedruck, und sie stoben auseinander. Ein beklemmendes Etwas lag in der Luft, man ging bangen, ercignißreichen Tagen entgegen und aller Gemüther hatte sich tiefer Ernst bemächtigt. Drüben, jenseits der schwarzgelben Pfähle, gewann die Jesurrection an Ausdehnung, und von allen Seilen eilte Polens Jugend in den Freiheitskampf. Die Werkstätten, die Bureaux entleerten sich, todesmuthig verließen die jungen Leute den trauten, heimathlichen Herd, um in den Wäldern ihr Blut zu verspritzen. Die patriotische Bewegung mutze consequenterweise auch nach Galizien ihren Wellenschlag werfen und auch hier organisirten sich Freischärlerbanden, um dann in kleinen Trupps die Grenze zu überschreiten und mit den Ihrigen sich zu vereinigen. Die österreichischen Behörden schienen anfänglich ein Auge zudrücken zu wollen, förmliche Werbebureaux wurden eröffnet, Depot und Sammelplätze eingerichtet, Munition und Waffen über die Grenze geschafft und Verstärkungen zugeführt. Unsichtbare Hände leiteten die Fäden und leisteten den hartbedrängten Brüdern jenseits des Cordons Vorschub. Heute circulirten in der Stadt widersprcchende Gerüchte; bald hieß es, die Insurgenten hätten einen bedeutenden Sieg erfochten, bald daß ein gröberes Corps von Aufständigen geschlagen und zerstreut worden sei. So viel stand fest, daß unweit der Grenze ein heißes Gefecht stattfand; hatten doch ausgesandte Boten den Tag über Kanonendonner vernommen. Jetzt mußte der Kampf bereits entschieden sein, aber zu wessen Gunsten, darüber herrschte noch immer Ungewißheit. — Da sprengte in rasendem Galopp eine Estaffete durch die Gassen, das Pferd schaumbedeckt, der Athem des Reiters schwer. Wie freudetrunken schwenkte er seine Mütze in der Luft, „Sieg, Sieg", kommt es keuchend aus seiner Kehle, und er setzt seinen galoppirenden Ritt fort in der Richtung nach dem Palais des Grafen O. In dem sonst so stillen Patricierviertel widerhallte der Hufschlag des dahinsprengenden Rosses, das schwere, eisenbeschlagene Thor wurde geöffnet, der Reiter schwang sich aus dem Sattel und stürmte staubbedeckt nach den gräflichen Gemächern mit der frohen Botschaft. Der Graf Bogumil O., ein glühender Patriot, ging in nervöser Erregung in seinem Zimmer auf und ab und trotz des reichen, die Fußboden bedeckenden Teppichs, vernahm man seine hastigen Schritte, während seine Gesichtszüge seine inneren Gefühle widerspiegelten. Er hatte bereits für den Aufstand große Opfer gebracht und obwohl ein bedeutender Theil seiner Güter sich ans russich polnischem Territorium befanden, scheute er sich nicht, offen für die bewaffnete Erhebung Partei zu ergreifen, auf die Gefahr hin, daß seine Ländereien dem russischen Fiskus zufallen könnten. Rur sein vorgerücktes Alter verhinderte ihn daran, selbst die Waffen zu ergreifen, dafür aber stellte er sein Vermögen zur Verfügung. Er war die Seele der revolutionären Organisation, in seinem Palais versammelten sich in nächtlicher Stille seine Getreuen und von diesem Hauptquartier aus wurden in Galizien die Mannschaften angeworben, equipirt und über die Grenze dirigirt. Jetzt erwartete er Nachricht über die heutige Schlacht; da vernahm er Pferdegetrappel und ehe er es sich versah, stürmte der Courier mit der Siegespost in's Gemach. Marcin, die bäuerliche Estaffette, konnte ihm keine Details angeben; er wußte nur soviel, daß David Mayer, der gräfliche Gutspächter, ihm befohlen habe, „über Hals und Kopf" auf den ihm bekannten Schleichwegen über die Grenze zu reiten und dem Grafen zu vermelden, daß die ponstaucy — Jrsurgenten — tüchtig die Moskowiter geschlagen haben. Mehr wußte er nicht zu berichten und der wielmozug pan — der gnädige Herr — beschenkte ihn reichlich für seinen Ritt und führte ihn in die Gesindestnbe, auf daß er sich beim schäumenden Glase von den Strapazen erhole. — Der Graf eilte zu seiner Gemahlin, um ihr die frohe Kunde mitzutheilen und leuchtenden Blickes nahm die Gräfin Wanda dieselbe entgegen. Da wurde die Portiere zurückgeschoben und in der Oeffnung erschien die Gestalt des einzigen Sohnes. Severin O. war erst 18 Jahre alt und von mittlerer, zarter Statur. Sein blasses, von langen, blonden Haaren umrahmtes Gesicht hatte etwas Mädchenhaftes an sich, nur der Ausdruck seiner großen blauen Augen zeugten von männlicher Energie. Sein Körper schien keineswegs dazu geschaffen, die Strapazen eines Feldzuges ertragen zu können und das war auch der Grund, weßhalb die Eltern bis jetzt gezaudert hatten, ihn in's Feld ziehen zu lassen. Aber Severin brannte vor Kampfbegierde. Wenn auch der Körper schwach, sein Geist war muthig und stark, und er wollte seinen Jugendgenossen nicht nachstehen. Die Eltern mußten seinem stürmischen Drängen nachgeben, alles war bereits zur Abreise vorbereitet und heute sollte er nach dem

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