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Der Israelit · 1889-11-14 · Heft 89 (14.11.1889) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 89 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1538 Die Zahl der Mitglieder ist auf die noch niemals erreichte Höhe von 1890 (125 gründende und 1765 beitragende) gestiegen, die Jahresbeiträge erreichten eine Höhe von 4496 fl., die Baarspenden 1746 fl., die Fondsspenden 4300 fl. Das Fondsvermögen beträgt 27,950 fl. nom. Trotz dieser sehr günstigen Einnahmen konnte der Vorstand nur durch äußerste Oekonomie und durch strenge Prüfung der Würdigkeit der Ansuchcnden — den an den Verein gestellten Ansprüchen gerecht werden, indem er täglich etwa 130 Jünglingen eine nahrhafte Mittagskost (5 bis 6 Mal wöchentlich mit Fleisch, 1 bis 2 Mal wöchentlich ohne Fleisch) mit einem Jahrcsaufwande von 6117 fl. 63 kr. verabreichte. Am Tage des 40jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef wurden die Kostnehmer im Vereinslokale festlich bewirthet. Der Verein hat in den 30 Jahren seines Bestandes für fast eine halbe Million Mahlzeiten die stattliche Summe von 68,481 fl. 06 kr. verausgabt. Brünn. Der Antisemitismus hat seinen Höhepunkt überschritten, das ist das kennzeichnende Merkmal der heutigen Situation. Hat bei Ihnen in Deutschland der schon erlahmte Antisemitismus jüngst den Todesstoß erhalten, so ist bei uns in Oesterreich der innere Zwiespalt der einzelnen Fraktionen, aus denen sich die große Partei der „vereinigten Christen" vulxo Judenfresser zusammensetzt, nebst dem ruhigen aber konsequenten Einschreiten der Behörden der Grund zum Rückgang unserer Feinde geworden. Wie der deutschnationale Schulverein, so wurden in den letzten Wochen wiederholt Versammlungen der Antisemiten verboten und aufgelöst, und die inneren Zwistigkeiten der Antisemitenhäuptlinge deckten auch den blödesten Augen sichtbar auf, was wir schon lange wußten, daß alle jene Autisemitensührer, die sich als die lautersten Charaktere aufspielten, mehr oder weniger Makel auf sich lasten haben. Viel Aufsehen macht neuerdings der Prozeß Schneider, indem dieser antisemitische Candidat beschuldigt wird, er habe mehrfach Zeugen zu falschen Aussagen vor Gericht verleiten wollen. Selbst die Spießbürger von Wien sehen jetzt ein, wie wenig Nutzen der Anschluß an die Partei solcher Führer ihnen gebracht hat und der Jude kann wieder über die Straße gehen, ohne die schmähendsten Schimpfworte jeden Augenblick sich Nachrufen zu hören. Freilich, Schaden genug hat diese Hetze angerichtet und so manche Existenz ruinirt, aber wir Juden sind bescheiden, wir sind heute schon zufrieden, daß man uns in Ruhe läßt. Was wird aber die Zukunft bringen k Wer weiß, ob nach einigen Jahren der Ruhe nicht ein neuer Sturm losbricht. Wollen wir uns denn nicht endlich aufraffen und selbst etwas thun, schließt doch schon heute der Antisemitismus uns durch den Haß der Bauern und Handwerker so manchen Erwerbszweig, wollen wir denn abwarten, bis alle unsere Brüder auf dem flachen Lande dem Hasse der Christen, die nicht bei Juden kaufen wollen, weichen müssen und die Zahl der Juden in den großen Städten, ohnehin schon zahlreich, in das ungemessene wächst, dadurch wieder den Haß der in ihrem Erwerb bedrohten christlichen Kaufleute und Handwerker steigernd? Der Fluth der Winkelblättchen und Schauderromane, die das Land und die kleinen Städte überschwemmen und in denen der Jude das böse Prinzip vorstellt, muß entgegengewirkt werden. Dem Bauer, der so nur den Judenhaß lernt, sollten durch Eolportage für seinen Bildungsgrad geschriebene Bücher gegeben werden, in denen die Vorzüge unseres Volkes in das rechte Licht gestellt würden. Das wäre eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus, wirksamer als wenn an die Juden, wie jüngst in Wien geschehen, Lehrsätze der jüdischen Moral von Professor Lazarus vertheilt werden, in denen so wichtige jüdische Prinzipien wie die Elternliebe, Waisenpflege, Gastfreundschaft gegen jeden Fremdling, Thierschutz 2c. fehlen. Die Christen, die aus solchen Lehrsätzen die jüdische Religion kennen lernen wollten, würden nur einen kleinen Theil derselben erkennen. Aber überhaupt nicht der Gebildete unter den Christen, der uns ohnehin kennt, das verführte niedere Volk über uns zu belehren, das müßte unsere Vorsichtsmaßregel für die Zukunft sein. Anfang und Gnde. Skizze aus dem polnischen Aufstande im Jahre 1863. Von S. Horowitz. Ein heißer Junitag nahte sich seinem Ende und in der altehrwürdigen Jaghellonenstadt*) herrschte eine erregte Stimmung. In den Straßen sah man *) Krakau.

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