Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 86 (4.11.1889)
- Date
- 1889-11-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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1483 fessionen können die Juden auch in cultureller Beziehung nie erreichen; denn letztere sind schon jetzt weit vorgeschritten und machen noch immer rapidere Fortschritte, als alle anderen." Rumänien. Bukarest. Bei Gelegenheit der Reise des rumänischen Königs in der Dobrutscha wurde demselben eine Lifte von Verurtheilten vorgelegt, die als der Begnadigung würdig empfohlen waren. Auf der Liste waren alle Nationalitäten und Konfessionen verzeichnet, aber kein einziger Israelit. Auf die verwunderte Frage des Königs, warum man mit diesen eine Ausnahme und nicht auch einige Israeliten seiner Gnade empfehle, wurde demselben die Antwort: „Majestät, wir haben in unsren Gefängnissen keine israelitische Sträflinge, weder Vcrurtheilte, noch in Untersuchung!" Feuilleton. Waliöi Wirser AschKenafi XII. Wenige Wochen nach den erzählten Ereignissen war es dem alten Chackam Baschi vergönnt, den Segen über den Bund seiner Kinder zu sprechen.? Die Ehe gestaltete sich zu einer äußerst glücklichen, | und Rabbi Elieser Aschkenasi lebte froh und zuj frieden im Kreise der Seinen, an der Seite seiner { Gattin, umgeben von seinen Kindern, an der Spitze | einer Gemeinde, die ihn liebte und verehrte. Auch j Zedaka war glücklich, und als ihr Vater starb,! iröftete sie sich bald durch die Liebe ihres Gatten! und ihrer Kinder. Zweiundzwanzig Jahre lang j währten diese frohen Zustände der Freude und der Zufriedenheit. So beginnt Rabbi Elieser die Vorrede zu seinem Commentar auf das Buch Esther mit den Worten: „In den Tagen meiner Jugend war ich glücklich, und man verehrte mich, bis man sich gegen mich empörte und mich veranlaßte, das Land Egypten zu verlassen." Es war ein in der jüdischen Literatur epochemachendes Werk, dessen Erscheinen den Anlaß zu den Zwistigkeiten gab, welche für Rabbi Elieser so traurige Folgen haben sollten. Einer seiner Freunde, mit dem er in gelehrtem Briefwechsel stand, war der weltberühmte Rabbi Joseph Karo irr Sefath im heiligen Lande. Dieser, Verfasser des großen Eommentars „Keßeph Mischneh" auf das Hauptwerk des Maimonides, und des nicht minder bedeutenden Eommentars „Beth Joseph" l auf die Turim des Rabbenu Jakob Aschen, entschloß sich, ein religiöses Gesetzbuch zu verfassen, dem er den Namen Schulchan Aruch gab, ein Gesetzbuch, nach Capiteln und Paragraphen geordnet, aus welchem man alle religiösen Vorschriften zu schöpfen vermag. Der großen Verantwortlichkeit ob der Herausgabe eines solch bedeutenden Werkes sich wohl bewußt, zögerte Rabbi Joseph Karo sehr lange mit der Veröffentlichung desselben, stets daran ändernd und verbessernd. Da erschien ihm ein Engel im Traume nnd mahnte ihn, sprechend: „Beeile Dich, den Schulchan Aruch herauszugeben, sonst wird ein junger Mann im Abendlande Dir zuvorkommend Rabbenu Joseph Karo befolgte den Wink und veröffentlichte sein großes und gediegenes Werk. Der junge Mann, auf den das Traumgesicht hingewieseu hatte, war der Rabbiner von Krakau, Rabbenu Moscheh Jsserlis. Auch er hatte ein ähnliches Werk verfaßt und war im Begriff, es zu veröffentlichen, als der Schulchan Aruch des Rabbenu Joseph Karo erschien. Man erzählt, daß Rabbenu Moscheh Jsserlis, als er das Werk erblickte, welches das seinige überflüssig machte, sich ans die Erde geworfen und laut geweint habe. Dann aber ermannte er sich, verglich das neuerschienene Werk mit seinem Manuskripte und schrieb seine vielfach andersgearteten Urtheile als Bemerkungen hinzu. Diese Anmerkungen sind für uns abendländische Juden fast immer maßgebend, so daß Rabbenu Moscheh Jsserlis in religionsgesetzlicher Beziehung zu unseren größten Autoritäten gehört. Anders verhält es sich mit unfern morgenländischen Glaubensgenossen, welche fast immer den Entscheidungen des Rabbenu Joseph Karo folgen. Es konnte nicht fehlen, daß, ebenso wie Rabbcnu Moscheh Jsserlis, auch andere große Gelehrte Manches gegen die Entscheidungen des Rabbenu Joseph Karo einzuwendeu hatten. Zu diesen gehörte auch Rabbi Elieser Aschkenasi. Er hat ein Werk geschrieben, welches tausend^ Einwände (mraci ^n) gegen Rabbenu Joseph Karo's Schulchan Aruch enthält. Zum Bedauern aller Talmudkenner ist dieses Werk niemals durch den- Druck veröffentlicht worden. — Nichts war natürlicher, als daß Rabbi Elieser Aschkenasi bei seinen religiösen Entscheidungen in den Punkten, in welchen sein Urtheil sich anders als das des Rabbenu Joseph Karo gestaltete, seiner eigenen Ansicht folgte. Nun war aber die Verehrung der sephardischen Juden für Rabbenu Joseph Karo eine unbegrenzte. Sie nannten und nennen ihn heute noch „Moron", das heißt: unser Herr, unser Lehrer, unser Führer, und da nun der bei weitem größere Theil der israelitischen Gemeinde