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Der Israelit · 1889-11-04 · Heft 86 (4.11.1889) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 86 (4.11.1889)
Date
1889-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1478 in Worte kleiden? Was dürste menschliche Kurzsichtigkeit erbitten, wenn Gottes weise Fürsorge es zu versagen für gut befunden? Wem aber gar je eine Ahnung von der umfaßbaren Gottesliebe aufgegangen, die jeden Athemzug als ein Geschenk von Gottes Gnade dankend annimmt, wie könnte ein solcher zu dem Glück zu athmen, zu leben auf Gottes Welt, noch ferner irgend etwas erbitten dürfen ohne den Schein der Anmaßung auf sich zu laden? Diese und eine Reihe mehr oder weniger erheblicher Einwendungen gegen das Gebet, leiten ihre scheinbare Berechtigung eben aus den für menschliche Einsicht vollständig unbegreiflichen, göttlichen Waltungsweisen her. Was wir darüber wissen, verdanken wir direkter göttlicher Offenbarung und Ueberlieferung; bloße menschliche Einsicht wird um Himmelsfernen von dem Problem überragt, dessen Erklärung daher auf diesem Wege vergeblich angestrebt wird. Auf Grund dieser Offenbarung und Ueberlieferung wissen wir nun, daß die reiche Fülle von Gütern aller Art, deren Besitz und Nichtbesitz das menschliche Wohl und Wehe bedingen, ein unermeßlicher Gottesschatz ist, den das menschliche Gebet erst erschließt und zugänglich macht. Es gibt keine handgreiflichere Dokumentirung von Gottes jeder menschlichen Seele nahen, wundermächtigen Liebesgröße, als das zu Ihm sich aus wahrem Herzen emporringende Gebet, das jeder Zeit Erhöruug und Gewährung findet. „Gott ist allen, die Ihn anrnfen, nahe, allen die Ihn in Wahrheit anrufen." Aber dieser Ruf ist für seine Erhörung unerläßliche Vorbedingung. Jeder Mangel, jedes Weh, jede Versagung unserer Wünsche, ist ein göttlicher Sporn, ihre Erfüllung zu erbitten. Hundertfältig sind im täglichen Leben die Veranstaltungen, welche den denkenden Menschen darauf Hinweisen, wie Gott aufgesucht sein will, wenn er von uns gefunden werden, wie unsererseits der Wille da sein muß, wenn ihm Gewährung werden soll, ja wie geradezu der menschliche Mund sich öffnen muß, um Gottes Gnadenfülle in unseren Kreis zu ziehen. Dieser Wahrheit gibt der Gottes Liebesgröße besingende 145. Psalm Ausdruck, wenn er sagt: „Die Augen aller hoffen zu Dir hin, und Du gibst ihnen ihre Nahrung zu seiner Zeit. Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende auf den bloßen Willen hin. So ist Gott gerecht in all Seinen Wallungen und voll Liebe in allen Seinen Handlungen. Nahe ist Gott allen, die Ihn rufen, allen, die Ihn in Wahrheit rufen. DenWillenSeiner Verehrer gestattet Er, erhört dann ihr! Flehen und hilft ihnen." Nicht nur der Mensch, alle lebende Wesen,! auch diejenigen, die wie die Thierwelt kein höheres Verlangen als die Gewährung der Nahrung kennen, erhalten die Befriedigung dieses ihres unerläßlichen Lebensbedürfnisses nicht, ohne den Blick bittend und hoffend zum Himmel erhoben zu haben. Der Wille ist der Einsatz, ist die Vorbedingung, für deren Erfüllung gleichsam als Gegenleistung sich Gottes Vaterhand zur Sättigung alles Lebende öffnet. Auf diese Weise erscheint, unbeschadet der Liebesfülle, welche die Gottes that bekundet, die Waltung, nach deren Gesetz sie sich vollzieht, als ein Akt der Gerechtigkeit. So hoch steht dieser Ausdruck unseres Willens und unserer Wünsche, und die Gotteshuldigung, die er bedeutet, daß mit ihm ihre Erfüllung als compcusirt erscheint, und so der Gottes Wohllhaten genießende Mensch, nicht mehr „das Brod der Beschämung" hinnimmt. Denn die Nähe Gottes, alles Heil und aller Segen, der damit verbunden ist, alles folgt dem menschlichen Rufe, der diese höchsten Güter der Menschheit durch seinen bloßen Willen vom Himmel hinab zur Erde zieht. Aber nicht nur die Gewährung des Willens, sondern diesen selbst veranstaltet Gottes Fügung, legt seinen Verehrern die Thatsache nahe, daß sie nur zu wollen und diesen Willen in Worte zu kleiden brauchen, um der Erhörung und Erfüllung sicher entgegensehen zu dürfen. Wohl kennt der Allwissende unsere Bedürfnisse, ohne daß wir sie ausznsprechen nöthig hätten, wohl weiß Er ohne unsere Anregung, was zu gewähren und was zu versagen uns frommt oder schadet. Aber nicht darum handelt es sich beim Gebet. Sondern darum, daß in der menschlichen Brust das Bewußtsein lebendig wird, wie unser ganzes Geschick ausschließlich in Gottes mächtiger Hand ruht, daß dieses Bewußtsein auf unseren Lippen zu jener einzigen Gotteshuldigung erblüht, die jeden Beter zum lauten Herold der Wahrheit macht; „Dein o Gott ist jede Größe, jede Macht, jede Herrlichkeit, jeder Sieg, alle Kraftfülle, alles im Himmel und auf Erden!" Wem diese Wahrheit erfüllt, wer von der Ueberzeugung durchdrungen, ist, daß alleGröße und alleMacht, auch wenn sie uns gewährt ist, immer noch Gott gehört und sich's daher gelobt, sie in seinem Dienste zu verwenden, der hat nichts für sich erbeten, der verlangt alles für Gott, was er von Gott erbittet, und macht die Verwirklichung der Gottesgedanken zum Gegenstände seines Gebets,

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