Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 86 (4.11.1889)
- Date
- 1889-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M 8«. XXX. Jahrgang. IsraelitZeschurun. Mschrlfl W FöldNMg jiiü. Geistes unH jp. Gebens in gm. Grmlüde Md Mle. GenLrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Herausgegeben von I>r. Lehm au« in Maiuz. Montag, den 4. November 5649 (1889). Leiterrber Artikel. Dur Geschichte des Hekets und des ersten Woröeters. Von Bezirksrabbiner vr. E h r m a u n in Baden (Schweiz). 7. Wenn man sich an einem äußeren Maßstab die ganze Tiefe und Höhe des Gedankens veranschaulichen will, daß Menschen betend vor Gott hintreten und die Erfüllung ihrer Hoffnungen und Wünsche bei Ihm suchen und finden, so ist er in der bloßen Thatsache gegeben, daß es zweier Jahrtausende bedurfte, bis dieser Gedanke im Kreise der Menschen begriffen und verwirklicht wurde. Wunderbar erscheinen die Mittel und Wege, mit welchen Gottes die Menschheit erziehende Fürsorge das erste Gebet bewirkte. Die ersten Menschen, obwohl sie unmittelbar der göttlichen Schöpfermacht ihr Dasein verda: kten, kannten nicht die Kraft des Gebets. WeniOtens berichtet uns keine Ueberlieferung, daß ihr Glück oder ihr Fall sie zum Gebete gedrängt hätte. Noach sieht eine ganze Welt unter- und eine neue aufgehen, aber er hat kein Gebet, weder für sich und sein Haus noch für seine Umgebung. Abraham, der erste Jude, war der erste Beter; von ihm wird zuerst berichtet: „omaN Slbrafyam betete l" (1. B. M., 20, 17.) Und zwar richtete Abraham dieses Gebet nicht für sich und seine eigenen Anliegen, sondern für einen heidnischen König zum Himmel, nachdem ihm jener eben die gewaltsam entrissene Gefährtin des Lebens zurückgegeben hatte. Wir finden nicht, daß Abraham den heißesten Wunsch seines Lebens, dessen Erfüllung ihm bis zum hohen Greisenalter versagt blieb, gleich Jizchak je zum Gegenstand des Gebets gemacht hätte. Was aber Abraham für sich niemals erbat, das that er für den Störer seines Familienglücks. Abraham betete für Abimelech, und die ihm bislang versagte Vaterfreude wurde ihm gewährt. Hier liegt der Schlüssel zu einem der tiefsten Geheimnisse der Thora, worauf R. Elieser Aschkenasi in seinem Werke niaN wyo die Aufmerksamkeit lenkt, dessen Ausführungen der folgenden Darstellung zu Grunde liegen. Es ist die Geschichte des Gebets, die Darstellung der wunderbaren Veranstaltungen, welche Gott getroffen, um den zu Ihm aufblickenden Menschen die Bedeutsamkeit des Gebets nahe zu legen. Heute, wo das Bewußtsein von Gott und den Beziehungen zwischen Ihm und seinem Ebenbilde auf Erden so vielfach entwickelt ist, daß wir allenthalben Zeiten und Räumen sowie Veranstaltungen der mannigfachsten Art begegnen, welche ausschließlich dem Gebete gewidmet sind, heute ist man leicht geneigt, die Schwierigkeiten zu unterschätzen, welche zu heben waren, bevor sich das erste Gebet aus dem menschlichen Herzen über die Lippen rang. Je edler, reiner und selbstloser dieses Herz schlug, um so lauter und dringender mochten sich Bedenken dagegen geltend machen, betend, bittend vor Gott hinzutreten. Nach bloß menschlicher Auffassung, unter dem Gesichtspunkt des sinnlichen Verstandes dürfte es sich kaum erklären, ja nicht einmal rechtfertigen lassen, daß der kurzsichtige, fehlende, hinfällige Mensch vor dem Träger aller Weisheit, aller Liebe und Macht auch nur die Lippen zum Gebete öffnet. Was könnte das menschliche Wort auch Ihm vortragen, der doch alle Gedanken kennt, bevor sie sich