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Der Israelit · 1889-10-31 · Heft 85 (31.10.1889) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 85 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1457 ein jüdischer Knabe hätte ihm mitgetheilt, daß ein christliches Mädchen, welches die Juden zu rituellen Zwecken abgeschlachtet haben, vor Kurzem auf dem neuen Friedhof im Geheimen beerdigt worden sei. Diese der Polizei gemachte Mitthcilung verbreitete sich mit Windeseile unter den Bewohnern der Stadt, und es fanden sich auch bald geschäftige Hetzer, welche die Menge aufforderten, an den Juden Rache zu nehmen; ja, bald meldete sich auch ein Vater, deffen Tochter thatsächlich plötzlich verschwunden war, und behauptete mit aller Bestimmtheit, daß das von den Juden ermordete Mädchen seine Tochter sei, welches die Juden mehrere Monate im Keller eines jüdischen Hauses verborgen hielten, bis eine geeignete Zeit gekommen sei, um den Leichnam im Geheimen, und zwar auf dem kürzlich von ihnen käuflich erworbenen neuen Friedhof beerdigen zu können nnd dadurch die Zahl der Sierbfälle unter den Juden zu mindern. Dank dem energischen Einschreiten der Polizei, welche eine strenge Untersuchung anordnete und trotz der Durchwühlung des ganzen Friedhofs auch nicht das allergeringste Verdächtige entdeckte, sind Ausschreitungen und Gewaltthätigkeiten gegen die Juden verhütet worden, obwohl der Pöbel bereits alle Vorbereitungen getroffen hatte, um das Plünderuugswcrk zu beginnen. Auffallend erschien, daß der Knabe, der der Polizei sogar die Stelle des Grabes zu zeigen wußte, bei der Untersuchung des Friedhofes nicht zugegen war, überhaupt plötzlich verschwunden ist. Amerika. New - Uork, im Tischri. Am ersten Tage mvbo hat das hiesige ungarische Beth-Hamidrasch seine neuerbaute prachtvolle Synagoge eingeweiht. Dieser Verein wurde vor sechs Jahren von Herrn M. Weinberger mit Hilfe weniger glaubenstreuer Männer, die über sehr geringe Mittel verfügten, gegründet, um das Studium der heiligen Lehre zu pflegen und zu fördern. Nun ist es in dieser verhältuißmäßig kurzen Zeit dieser kleinen Schaar gelungen, ihre Mitgliederzahl auf achtzig zu erhöhen und ein in allen seinen Theilen und Einrichtungen genau den Vorschriften des Schulchan Aruch entsprechendes, glänzend ausgestattetes Bethaus, dessen Kosten mehr als 40,000 Dollar betragen, zu errichten. Bei der Einweihung hielten Oberrabbiner I. Joseph, Rev. Dr. B. D r a chmann, Die Herren A. Tauneu bäum, M. Wechsler, M.Weinberger und Rev.J.Cohn inhaltsreiche, gediegene Reden. Herr M. Herz verlas ein von ihm in hebr. und deutscher Sprache verfaßtes, vorzügliches Gelegenheitsgedicht. Schreiber Dieses, dcr auch die Ehre hatte, eine Ansprache zu halten, stellte im Laufe derselben die Frage, ob wohl das Beth-Hamidrasch durch Erbauung eines Belhauscs seine Aufgabe richtig gelöst habe? Es werden, so fuhr ich fort, in unserer Zeit sowohl in der neuen, wie in der alten Welt so viele herrliche Synagogen errichtet, daß man geneigt wäre, unser Zeitalter für außerordentlich religiös zu halten, wenn dcr Augenschein uns nicht vom Gegentheil belehrte; so aber scheint cs leider, daß die unzähligen neuen große Synagogen nur den Zweck haben als „Niederlagen" für die aus dem Hause und dem praktischen Leben verbannte Religion zu dienen, wie der Prophet verkündet: rvfon p'i wiy ns „Israel vergißt seinen Schöpfer und baut Tempel! Welchen Zweck hat also das Beth-Hamidrasch durch die Riescuopfer, die es gebracht, dieses Bcthaus zu errichten , erreicht?' Die Antwort auf diese Frage finden wir im Midrasch zu dem dieswöchentlichen Abschnitte: rwiy ru'd« qk n^sn bv nro yvb -pisn n"-i 'x 'v;n yj ,rmj v?y nnx' yp, rwiy K'n ''xn r6n pp nTun wi yj wod yj»J '*01 ^bonni noy pto .•m pto nun 's „Rabbi Elieser spricht: Willst du die Kraft das Gebetes kennen lernen? Wenn mit demselben auch nicht Alles, so wird doch die Hälfte erreicht. Kajin sollte unstät und flüchtig auf Erden werden, er flehte zu Gott, und die Hälfte des Verhängnisses wurde von ihm abgcwendet, wie es heißt: und er besetzte sich im Lande m Die Ausdrücke yj und NI bezeichnen eigentlich ein und denselben Zustand; worin nun die Milderung von Kajins Strafe? Die Sache verhält sich jedoch nach meinem Dafürhalten wie folgt. Der Mensch ist yj, unstät, wenn er rastlos von einem Orte zum andern zieht; läßt er sich aber stabil an einem Orte nieder, jedoch in einer Region, die häufig von Erdbeben erschüttert wird, dann ist er wohl nicht yr aber -u, denn der Boden wankt unter seinen Füßen. Und wie im materiellen, so gibt es auch im geistigen und moralischen Leben ein ui yj. Derjenige, der kein festes Prinzip hat und sich bald der einen, bald der andern Glaubenslehre zuneigt, ist yj, unstät; wer sich hingegen zu einem gewissen Glauben bekennt, seine Lebensregeln und Handlungen aber nicht auf ein bestimmtes System, auf ein bindendes Religionsgesetz basirt, der bleibt u, wankend, und muß straucheln. — Der Glaube an ein höchstes Wesen, an die himmlische Vorsehung rettet den Menschen von dem Zustande yi, denn der Geist desselben irrt nicht von einem Phanton zum andern,

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