Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 85 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4156 jüdischen Gemeinde hat am Sonntag in einer dringlichen Sitzung unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiners Dr. Blumenthal eine Reihe durchgreifender Beschlüsse in Bezug auf die Schechita gefaßt. Es wurde einstimmig beschlossen, die sechs nichtjüdische Schlächtermeister zu ersuchen, innerhalb vierzehn Tage sich zum Verkaufe des rituell geschlachteten Fleisches besondere Hackeklötzer, Beile, Messer u. s. w. anzuschaffen: den Widerstrebenden wird unverzüglich die Aufsicht des Rabbinates entzogen und den Schlächtern bei Strafe der Entlassung verboten werden, für jene Fleischhandlungen zu schlachten. Weiter beschloß die Commission einstimmig, eine ganz neue Art der Siegelung des geschlachteten Viehes einzusühren, die Aufsicht zu verschärfen und eine Oberaufsicht zu begründen; die Beaufsichtigung der Schächter übernimmt der Vorsitzende der Commission. Auch aus dem Gebiete des religiösen Unterrichtes beginnt sich eine erfreuliche Wandelung zu vollziehen. Mit dem Beginne der vorigen Woche ist Herr Dr. Blumenthal nach eingetroffener Genehmigung des Provinzialschulkollegiums in den Lehrkörper der hiesigen höheren Lehranstalten eingetreten und hat den Unterricht in allen Klaffen des Gymnasiums, Realgymnasiums und der beiden höheren Töchterschulen übernommen. Eine völlige Reorganisation der religiösen Jugenderziehung steht unmittelbar nach der demnächstigen Besetzung derStelle eines Religionslehrers bevor. Die Einweihung der neuen Synagoge dürfte, nachdem die Applanirungsarbeiten und Gartenanlagen um das neue Gotteshaus sich der Vollendung nähern, voraussichtlich gelegentlich des Festes der Tempelweihe erfolgen. r. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Bor einigen Tagen fand hier eine Gerichrsverhandlung statt, welche zeigt, daß die verderbliche und verwerfliche Lehre des Antisemitismus nicht nur unter den Studenten, sondern auch unter schulpflichtigen Buben Eingang gesunden hat. 14 bis 15jährige Buben bildeten einen antisemitischen^ Verein und hielten Versammlungen ab, selbstverständlich ohne Bewilligung der Behörden, sandten Begrüßungs-Adressen an Georg Schönerer, und erhielten von demselben als Geschenk drei Photographien, welche ihn in Sträflingskleidern im Kerker zeigen. Herr Schönerer in Verbindung mit Buben! Schulknaben als antisemitischen Geheimbündler! Es wäre wirklich zum Lachen, wenn das Ganze nicht so traurig wäre. Der Richter verurtheilte den „Obmann" des Vereins zu einer kleinen Geldstrafe, meinte aber ganz richtig, daß ein tüchtiger Stock in der Hand vernünftiger Eltern das beste Mittel zum Kuriren wäre. Budapest. Per Präsident des Ersten Mädchen- Ausftattungs - Vereins Herr Armin Schwarz, war anläßlich der 20. Jahreswende seiner erfolgreichen Thätigkeit als Präsident des Vereines Gegenstand zahlreicher Ovationen von Seite der Vereinsleitung. Bei dem am Samstag Abend veranstalteten Festbanket gab's Reden die Menge, auch erhielt der Gefeierte ein Ehrengeschenk, bestehend aus einem silbernen Tintenfasse mit goldener Feder. Herr Schwarz dankte für die ihn ehrende Auszeichnung und versprach mit gewohntem Eifer auch fernerhin den Interessen des Vereines sich zu widmen. Pesth. Die dritte Bezirksvorstehung hat den in diesem Bezirke etablirten Fleischhauer E. Schubert deßhalb zu einer Geldbuße verurtheilt, weil er an Samstagen seine Fleischbank geschlossen hielt, was nach Ansicht der Bezirksvorstehung als eine unbefugte Geschäftseinstellung zu betrachten und im Sinne des Gewerbegesetzes zu bestrafen sei. Gegen dieses Urtheil hat Schubert an den Magistrat appellirt, welcher gestern dieses Urtheil annullirte und Schubert freisprach, weil eben im Sinne des Gewerbegesetzes Niemand gezwungen werden kann, an Sonntagen oder Feiertagen seiner Religion ein Geschäft zu betreiben. Frankreich. Paris, 24. October. Der bisherige Oberrabbiner der isr. Gemeinde zu Paris, Herr Zad o k Kahn, ist zum Oberrabbiner von Frankreich (an des verewigten Oberrabbiners Isidore Stelle) erwählt worden. England. London, 10. October. Alderman Sir Benjamin Philipps ist gestern im Alter von 78 Jahren gestorben. Im Jahre 1865 bekleidete er das Lordmayorat. Sir Benjamin war der Schwiegervater des Unterstaatssekretärs für die Colonien, Baron Henry de Worms. Philipps war eines der hervorragendsten Mitglieder der Londoner jüdischen Gemeinde. Rußland. Aus Rußland. In der russischen Stadt Pultusk ereignete sich vor Kurzem ein Vorfall, der die dortige jüdische Gemeinde in Angst und Schrecken versetzte, und wäre nicht die Wahrheit bald herausgekommen, leicht zu einer zweiten Tisza-Eßlaer Affaire hätte werden können. Ein christlicher Knabe, Sohn eines getauften Juden, meldete der Polizei,