Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 84 (28.10.1889)
- Date
- 1889-10-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1441 Theil wurden. Wird man im Ernst glauben, daß diesem Ansturm hätte wirksamer begegnet werden können, wenn etwa ein jüdisches oberstes Religionskollcgtum dabei im Namen des Judenthums abwehrend das Wort geführt hätte, ähnlich wie der Papst die Angriffe auf die katholische Kirche in seinem Encykliken abwehrt? Das wäre eine große Täuschung. Trotz der geringen Anzahl der Juden ist der Ansturm bisher in der Hauptsache dadurch gebrochen worden, daß auch Andersgläubige den Angriff aus das Judenthum als einen Angriff auf die Gleichberechtigung aller Religionsparteien betrachteten und deßhalb ihrerseits sich an der Abwehr betheiligten. In dem Augenblick aber, wo nach den Vorschlägen des Dr. Auerbach das Judenthum seine äußere Stellung vertheidigen wollte, nicht vom Standpunkt grundsätzlicher Gleichberechtigung aller Religionsparteien, sondern als privilegirter Religionsgemeinschaft, wird dasselbe ohnmächtig wie im Mittelalter dastehen. Das privilegirte „Schntzjudenthum" und der Begriff der „kaiserlichen Kammerknechte" hat ja die Juden nicht im mindesten vor den Verfolgungen des Mittelalters zn schützen vermocht. Nichts anderes als ein privilegirtes Schutzjudenthum, eine kaiserliche Kammerkncchtschaft in moderner Form aber ist es, was Dr. Auerbach anstrebt. Mit einer einheitlichen Organisation des Judenthums ist jüngst in Ungarn ein Versuch gemacht. Dr. Auerbach muß aber selbst einräumen, daß dieser Versuch ein vollständiges Fiasko erfahren. Er schiebt dies freilich darauf, daß in Ungarn die Juden noch nicht denselben Kulturgrad erreicht hätten wie in Deutschland. Wir meinen umgekehrt, je kultivirter ein Volk ist und je lebendiger eine Religionsgemeinschaft ist, desto weniger lassen sich die Bekenner einer Religion zwangsweise Organisationen oder Einmischungen der Staatsgewalt in religiöse Angelegenheiten gefallen. Berlin. Ueber den praktischen Antisemitismus gibt das Stöcker'sche „Volk" Rathschläge. Es heißt darin: „Wer nicht bei Juden kauft, wer keine jüdischen Rechtsanwälte oder Aerzte nimmt, wer weder ein jüdisches Theater noch ein von jüdischen „Künstlern" veranstaltetes Konzert besucht, wer sich keine jüdischen Bücher anschafft und keine jüdischen Zeitungen hält, wer weder in einem jüdischen Hause verkehrt noch einem Juden Eintritt in seine Familie gestattet, kurz, wer die Juden geschäftlich und gesellschaftlich vereinzelt, der treibt durch dies Verhalten schon einen höchst wirksamen praktischen Antisemitismus." Wir finden diesen „praktischen An Lisemitismus" doch recht einseitig und schwächlich; etwas weniger Verachtung würden wir vor demselben empfinden, wenn er, in „der geschäftlichen Vereinzelung der Juden" wenigstens conseguent wäre und ebenso verböte, an Juden zu verkaufen, wie von den Juden zu kaufen. Davor hüten sich aber bekanntlich diese „praktischen" Antisemiten. Ein Theil der antisemitischen Blätter beispielsweise würde sofort eingehen, wenn die Juden Gleiches mit Gleichem vergelten und sich des JnserirenS in solchen Blättern enthalten wollten. Gollantsch. (Provinz Posen.) Unsere Gemeinde bietet ein deutliches Beispiel, wie einzelne von dem Ideale des Judenthums begeisterte Männer dem verderblichen Geiste der Zeit entgegenzuarbeiten und ihm wieder Stück für Stück des der Religion entzogenen Gebietes abzugewinnen vermögen. In dieser Weise wirkt unser verehrter Gemeinderabbiner Herr M. Broh >'% der rzwar als bedeutender Gelehrter bekannt ist, aber auch in organisatorischer Hinsicht hier Dauerndes geschaffen hat. Es würde zu sehr ins Einzelne führen, wenn wir all seinen Bestrebungen folgen würden, wie hinsichtlich der Verbesserung und Regelung derder er besonders im Anfang viele Opfer an Zeit und Mühe gebracht hat, sowie in Bezug auf die Kranken pflege, der er geradezu einen anderen edlen Geiste eingehaucht hat, so daß er in vergangener Woche von der xv'ip toan □^nn np’ai aus Anlaß ihres 10jährigen Bestehens zum Ehrenmitglied ernannt worden ist. Nur was er in der Verbreitung unserer heiligen Lehre leistet, wollen wir kurz andeuten. Wir haben hier eine Simultanschule, an welcher ein von der Regierung angestellter jüdischer Lehrer auch den Religionsunterricht, worunter jedoch nur eine thetlweise Kunde der biblischen Geschichte verstanden wird, zu ertheilen hat. Jetzt aber hat unser Rabbiner einen Schulverein organisirt, welcher eine Religionsschule unterhält. Für den täglichen Elementar-Unterricht ist der staatliche Lehrer berufen, der dafür ein festes Gehalt von dem Verein bezieht. Die Befähigteren sind zu einer Oberklaffe zusammen-, gefaßt, in welcher der Herr Rabbiner selbst in uneigennützigster Weise in den höheren Fächern — ebenfalls täglich — unterrichtet. Auch auf die Erwachsenen erstreckt sich sein segensreicher Einfluß in dieser Beziehung. Werktäglich hält er Vormittags einen iiynp in D’pDisi dw mit älteren wivH ab, während er allsabbatlich den sich dafür interessirenden Gemeindemitgliedern — und es interessiren sich die Meisten dafür Vortrag über dtk »n hält.