Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 83 (24.10.1889)
- Date
- 1889-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1424 den Lippen — und ihre Enkel, die sich gebildet und aufgeklärt dünken und um dieser vermeintlichen Bildung und Aufklärung willen fast Alles abgestreift haben, was sie mit ihren Ahnen verknüpft, zittern vor jedem Wechsel in der wetterwendischen Gunst der öffentlichen Meinung, arbeiten ohne Raft an dem Aufbau einer gesicherten Existenz, genießen schrankenlos was ihre Sinne reizt, das Glück aber, dessen die Groß- und Urgroßväter theilhaftkg gewesen, jenes Glück, das wahre Befriedigung gewährt, flieht sie ewig. Haben wir denn die Unzulänglichkeit der durch den Verrath erkauften Güter noch immer nicht erkannt, ist es uns noch immer nicht zum Bewußtsein gekommen, daß die vermessene Absicht, das Judenthum, das Gesetz des allmächtigen, allweisen Gottes, nach der Laune des Menschen umgestalten zu wollen, kläglich zu Schanden geworden ist? Was haben denn die Meister der Reform geschaffen? Was anders, als den schmählichsten Bankerott an Allem, was dem Leben Werth, dem Gemüthe Trost, der Seele Erhebung zu bereiten vermag; sie haben das Volk um sein köstliches Erbe betrogen und es so arm und elend gemacht, wie es nur jemals in den Zeiten der ärgsten Geistesverwirrung gewesen. Gott hat das Leben des Juden in jedem Augenblicke durch Mizwauß geheiligt und verklärt, und nur in der Erfüllung derselben harret unser das Glück und die Freude, das Heil uud der Frieden. Möge in dem begonnenen Jahre eine Zeit der Erhebung für uns Alle gekommen sein, daß sich alle Tage desselben zu rr-wp ’*npo für uns gestalten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Die Besucher der „Neuen Synagoge" mußten an den verflossenen Suckaus-Feiertagen auf das zweifelhafte Vergnügen der Orgelbegleitung verzichten. Trotzdem selbst an den hohen Feiertagen nur bescheidentlich wenig gebetet, dagegen viel gesungen wird und die strenge Verwaltung meist nur „stille Andachten" gestattet, vermochte die Gewalt der Gebete dennoch bis an die Decke der Synagoge zu dringen und diese ins Wanken zu bringen.^ Zwischen Jom Kivpur und Suckaus fiel ein Theil der Stuckatur herab, ohne jedoch weitern Schaden anzurichten, da die Hauptsynagoge an Wochentagen geschlossen ist. Es wird hier geplant Waisenkinder in frommen Familien unterzubringen, damit die der elterlichen Erziehung beraubten Kinder dem religiösen Leben erhalten bleiben, damit sie nicht als Religio nsveracht er und Re ligionsspötter heranwachsen. Die Zöglinge der hiesigen jüdischen Waisenhäuser, welche die öffentlichen Schulen besuchen, schreiben nämlich am Sabbat und an den Feiertagen, so daß armen Waisenkindern nur die Wahl gelassen wird, entweder die^.vielfach gefährdete Kinoeszeit ohne ordentliche Erziehung hinzubringen oder Grundgesetze der Religion hinzuopfern. — Es ist daher ein sehr löbliches Beginnen, dem sich -zwei hiesige Vereine zu widmen beabsichtigen, Waisenkinder durch religiöse Erziehung für einen Gott und Menschen gefälligen Lebenswandel vorbereiten zu wollen. Möge Gottes Segen auf diesem Vorhaben ruhen und mögen gesinnungstüchtige Glaubensbrüder biefeni Zweige der Wohlthäligkeit, der hier ganz vernachlässigt wird, ihr Augenmerk zuwendeu. — Wir erlauben uns auch zu bemerken, daß wir dieser Ungeheuerlichkeit Waisenkinder zur Sabbatentweihung zu veranlassen, nicht gedacht, weil wir durch öffentliches Rügen eine Besserung unserer religiösen Zustände nicht erhoffen. Selbst ein Institut, das von einem streng religiösen Manne gestiftet wurde, und dessen Kurator einen frommen Lebenswandel führt, scheut sich nicht, gegen die Intentionen des Erblassers und gegen ein allerheiligftes Grundgebot in solch unverantwortlicher Weise zu verstoßen. Ergreift die Flamme der Aufklärerei unsere Großen, was sollten wir dann von den Kleingläubigen erwarten? — Doch ist es sehr wohl angebracht, unsere wohlhabenden, frommen Glaubensgenossen, die in Unkenntniß der Dinge leben, darüber.aufzuklären. — Sie sollen erfahren, daß diejenigen Kinder, denen sie Legate zuwenden, um sich für alle Zeiten das Kaddisch-Gebet an Jahrzeitstagen zu sichern, allwöchentlich das vierte Gebot übertreten. — Den Leitern der hiesigen Waisenhäuser ihre Pflichtoergessenheit in Erinnerung zu bringen, ist weder unsere Absicht noch überhaupt unsere Pflicht; sie sündigen gegen besseres Wissen. — Berlin. In Sachen B o r et i u s wurde Mitwoch in der Stadt-Schul-Dcputation eingehend verhandelt. Das Verhalten der famosen Jugendbildnerin in Betreffs der Zurückweisung jüdischer Schülerinnen wurde in jeder Beziehung für ungerechtfertigt erklärt. Sie habe zunächst die Instruktion für die Privatschulen verletzt, wonach Schulvorsteherinnen in allen die Schule betr. An-