Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 82 (21.10.1889)
- Date
- 1889-10-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Beschaffung von Kleidung (50 Paar Schuhe, 100 Paar Strümpfe und etwa 30 Anzüge) übernahm der Verein „Lemaan Zion“ in Frankfurt a. M., dem wir hierdurch unsere aufrichtige Erkenntlichkeit ausdrücken. (Fortsetzung folgt.) Besuch einiger Schulen der Allgemeinen Israelit. Allianz (Alliance Israelite Universelle) In Marokko und Kleinasien. Von H. Joest in Berlin. (II. Fortsetzung.*) Premierlieuteuant Quedenfeld, der seit einer Reihe von Jahren zwecks entomologischer und ethnographischer Studien, zeitweise zusammen mit dem geographische und ethnologische Ziele verfolgenden Dr. Freiherr von Oppenheim aus Köln Marokko bereist hat und der heute als der beste Kenner des Landes bezeichnet werden muss, berichtet über die Behandlung der dortigen Juden Folgendes: Die Lage der Juden in den Küstenstädten ist gegenwärtig eine weit bessere, als früher. In Casablanca und Tanger beispielsweise wohnen Juden und Moslemin durcheinander. Im Inneren ist es anders, dort sind die Juden noch allen möglichen entwürdigenden Bedrückungen und Chikanen ausgesetzt, und wehe Jedem, der es wagen würde, sich dagegen aufzulehnen, vielleicht gar Hand an einen Muslim zu legen — er würde augenblicklich erschlagen werden. Die Juden wohnen zusammengepfercht und von den Gläubigen streng abgeschlossen in ihren „Mellah’s“; es ist ihnen untersagt, ausserhalb dieses Ghetto Schuhe zu tragen, auch bei glühender Hitztz müssen sie barfuss einhergehen; sie dürfen kehren rothen Tarbusch aufsetzen, überhaupt siclh nicht kleiden, wie ein Muslemin; sie müssen jeden Mauren, und sei er der schäbigste Bettler, mit „Sidi“, „mein Herr“, anreden — eine Titulatur, die im Verkehr der Mohammedaner unter einander nur den Sherifen gegeben werden mussA die jüdischen Frauen und Mädchen dürfen nicht verschleiert erscheinen und empfinden, inmitten einer mohammedanischen Bevölkerung geboren und gross geworden, lebhaft dieses Verbot als einen Schimpf; sie dürfen keine Pferde, sondern nur Esel und allenfalls Maulthiere reiten und dergleichen mehr. Mancher Leser wird vielleicht hierbei die Achseln zucken und denken: Das ist wohl Alles recht unangenehm, aber so schlimm sind denn diese Gebote und Verbote doch auch nicht, um das gesammte Judenthum der Welt zu veranlassen, fortwährend über die furchtbare Verfolgung und Misshandlung ihrer Glaubensgenossen in Marokko zu klagen. Die Kleidervorschriften lassen sich am Ende leicht umgehen, indem der Jude europäische Tracht anlegt; dann hat er keinen Tarbusch nöthig, und die Jüdinnen in Europa gehen doch auch unverschleiert einher. — Es kommt aber noch schlimmer. Seit dem Bestehen der Israelitischen Allianz wird über alle in Marokko an Juden verübte Mordthaten, sofern über dieselben überhaupt etwas an die Oeffentlichkeit gelangt, genau Buch geführt: während der Judenverfolgungen in den Jahren 1864 bis 1866 kamen über 3000 Israeliten um’s Leben; in der zweiten Hälfte des Jahres 1885 wurden acht Juden ermordet, davon fünf in Fäss (Fez) allein; 1886 weist nur eine Liste von sechs Ermordeten, 1887 aber wieder eine solche von zwölf auf. Wieder dürfte der skeptische Leser die Achseln zucken und bemerken: Gerade diese Zahlen beweisen, wie sehr die Juden bei ihren ewigen Klagen übertreiben! Was bedeuten die zwölf an Juden verübten Mordthaten im Vergleich zu den unzähligen Morden, denen Mauren, Berber, Beduinen, Neger, e tutti quanti jährlich in Marokko zum Opfer fallen, um die sich aber keine Alliance Israülite und überhaupt kein Mensch kümmert? Derselbe dürfte nicht ganz Unrecht haben. Abgesehen davon, dass der grösste Theil der Mordanfälle auf Juden aus Habsucht, nicht aus Fanatismus verübt wird, muss die Zahl der mohammedanischen Unterthanen des Sultans, die jährlich ermordet und todtgeschlagen werden, ohne dass ein Hahn darnach kräht, verhältnissmässig — man darf wohl ein Verhältnis von 20: 1 annehmen — eine ganz bedeutend höhere sein, als die der ermordeten Juden. (Fortsetzung folgt.). *) 8. Nr. 314. Druck der Job. Wirth’schen Hofbuchdruckerei (Oscar Lehmann) Maina.