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Der Israelit · 1889-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1889)
Date
1889-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1867 Richtigkeit des Princips der „Inzucht" — d. i. der Anpassung und Vererbung geistiger Qualitäten durch intensive fortgesetzte Uebung und Gebrauch seitens der Ahnen — mit Recht in Anspruch genommen werden. Der in der ganzen gebildeten Welt und in der Gelehrten - Republik ob der Schärfe seines Verstandes, ob der Genialität seines Geistes, ob der Feinheit seiner Dialektik angestaunte Professor semitischer Abkunft, der aber von Juden und Judcnthum nichts mehr wissen will, ja, die semitische Schmach längst in ein paar Tropfen Wassers zu ertränken vermeinte: — verdankt diese hohen Geistesgaben, vervankt den Glanz seines Wissens in letztem Grunde vielleicht nur jener ununterbrochenen, Jahrhunderte hinauf reichenden Reihe von Geistesahnen, die die Zeit ihres Lebens, vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht, über jene vielgeschmähten Folianten gebeugt, ihren Verstand an den scharfsinnigsten Controversen geschärft, ihren Geist in die tiefsinnigsten Probleme versenkt, und so noch dem spätesten Enkel zu jenen glänzenden Gaben des Geistes und der Intelligenz verhaften haben, die das späte Erbe der, Jahrhunderte hindurch fortgesetzten, geistigen Arbeit eines ganzen Volkes bildet, wie sie in der Geschichte der Wissenschaften vielleicht ohne Beispiel dasteht. Ob, wenn diefe Folianten bei Seite geworfen werden, nicht vielleicht, — wenn auch erst nach Jahrhunderten, — ein Rückschlag, ein Atavismus, d. i. ein Zurückgreifen auf eine weniger intelligente Ahnenreihe, Platz greifen, und ob dann noch über Superiorität jüdischen Geistes geklagt werden wird, ist eine Frage, die wohl berechtigt sein dürfte. Die heutige specifisch-semitische Intelligenz ist jedenfalls eine Folge jener Studien. Denn der Inhalt dieser Folianten, die das Lebensstudium des ganzen Volkes bildeten, erstreckt sich aus fast alle Gebiete menschlichen Wissens. Wer sie studirt hat, dessen Geisteshorizont ist ein weit gesteckter. Kein Zweig menschlichen Wissens ist ihm völlig fremd, viele sind ihm bekannt, in vielen fühlt er sich zu Hause. So ist es z. B. auf dem Gebiete der Philosophie , der Moralphilosophie und Aethik unschwer zu erweisen, daß ein großer Theil der geistigen Strebungen der Jetztzeit, soweit sie den monotheistischen Boden nicht vollends verlassen haben, in jener vielgeschmähten talmudischen Literatur theilweise schon ihre Erledigung finden. Wer sie gründlich studirt hat, ist vollkommen im Stande auch dem kühnsten Gedankenfluge moderner Philosophie zu folgen, und mit kritischem Blicke Wahres von Falschem, auf luftiger Hypothese beruhendem, zu sondern. Und was Schärfe des Denkens, Schärfe in der Anwendung der logischen Prinzipien der Forschung auf die verschiedenen Gebiete menschlichen Wiffens anbetrifft, so kann man kühn behaupten, daß bas Studium keines anderen wissenschaftlichen Werkes die schärfste Anwendung dieser geistigen Qualitäten also verlangt und befördert, wie das Studium l"in's und des Talmuds. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 29. September. Die Unduldsamkeit der Schulvorsteherin Boretius läßt die hiesigen Kreise nicht zur Ruhe kommen. Die Städt. Schuldeputation hat, ihrer Pflicht gemäß, der — übrigens sehr undankbaren Dame, die den Aufschwung ihrer Schule jüdischen Eltern verdankt —, eine Rüge ertheilt. Eine Schule, die als interkonfessionell angemeldet ist, hat nicht das Recht, jüdische Schifte« rinnen zurückzuweisen. Wenn die geschäftliche Findigkeit die Leiterin zu dieser dem gesunden Anstandsgefühl Hohn sprechenden Handlung bestimmte, so blieb es ihr unbenommen der Behörde anzuzeigen, daß sie fortan nur eine consessionelle Schule zu führen gewillt sei. Eine öffentliche Kränkung unschuldiger Kinder, die nichts weiter verbrochen haben als stammverwandt zu sein mit Propheten, Psalmsängern und andern gottbegeisterten Männern, welche die Lehre des Einig - Einzigen den Heiden verkündet haben, verräth eine Verrohung der Sitten, die jeden gebildeten Menschen anwidern muß. — Es bleibt immer wahr: „Alter schützt nicht vor Thorheiten." Daß die jüdischen Eltern, deren Kinder diese Schule ibesuchen, die Consequenzen gezogen haben ihre Töchter abzumelden, versteht sich ganz von selbst. Ging ihnen ja kein geringerer als Seine Excellenz der Herr Staatsminister Falk mit edlem Beispiele voran. Derselbe hat s, Z., als ihm gemeldet wurde, eine Schulvorsteherin befleißige stch, die antisemitische Giftsaat iu die reinen, jugendlichen Herzen zu streuen, nicht allein seine Töchter abgemeldet, sondern setzte , auch die jüdischen Eltern von seinem Schritte in Kenntniß. Diese loyale Handlung zeigte den Eltern den Weg, wie man charakterlosen Menschen, denen jedes Schicklichkeitsgefühl abhanden gekommen ist, entgegenzutreten hat. — Vielleicht trägt diese unerhörte Maßregel dazu bei, unsere leitenden Kreise aus dem Schlummer zu rütteln und sie zu der längst ersehnten kühnen That zu ermuntern. Wir müssen unsere Kräfte vereini-

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