Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1889)
- Date
- 1889-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1266 Äüdium und zur gewissenhaften Erfüllung desselben direkt verpflichtet war und ist. Und das Gesetz ist nicht ein Gesetz der „Gottesgelahrtheit", es umfaßt das ganze Leben. Zweck der min ist .ja, eitt Menschen- und menschengesellschaftliches Dasein zu begründen, wie es den Gedanken und Absichten des Schöpfers gemäß ist und den Zielen entspricht, zu welchen Er den Menschen und die Menschheit hiuführen will. Die nun will uns also .lehren, wie der Mensch, und vor allem der Jude, zu leben habe, um den in der Schöpfung der Welt und menschengcsellschaftlichen Ordnung niedergelegten Gedanken und Zielen des Schöpfers zu entsprechen. All' die zahlreichen Gesetze sind weiter nichts als die Aufforderung und Verpflichtung zu, diesen Gedanken und Zielen adäquater, Geistesbildung und Thatäußerung. Je klarer deßhalb der Mensch diese Gedanken erkennt, je tiefer er in sie eindringt und dadurch zu um so tieferer Erkenntniß und uin so bewußtvollerer und gewissenhafterer Erfüllung der diesen Gedanken entspringenden göttlichen Gesetze gelangt, um so mehr erfüllt er die dem Menschen und vor allem bent Juden obliegende Pflicht. Da nun die Gesetze der min alle Gebiete menschlichen und menschengesellschaftlichen Lebens umfassen, so wird das jedem Juden zur heiligen Pflicht und zur Lebensaufgabe gemachte Studium derselben ihn auch dazu bringen, sich, soweit er es vermag, mit allen Gebieten menschlichen Wissens, auch den sogen, profanen, zu befreünden, und je tiefer Jemand in die göttliche uud die von ihrem Strahl erleuchtete menschliche Wissenschaft eindringt, um so mehr nähert er sich dem dem Juden und Menschen gesteckten Ideale: sich zum höchsten Grade sittlicher und geistiger Vollendung .emporzuarbeiten. Zn dieser Verpflichtung und zu dem Streben hierzu ist nach jüdischer Auffassung das ganze Volk berufln. Denn nicht an Priester und Klerisei, an jeden Einzelnen im Volke, an Jung und Alt, an Reich und Arm, in wie viele sog. Stände und Berufsarten sich die Menschengesellschaft spaltet, an den Kaufmann, an den Gelehrten, an den Handwerker, an den König*), wie an den Bettler wendet sich Gesetz und Lehre und fordert als erstes, heiligstes Gebot die Beschäftigung mit der Wissenschaft desselben. Aus dieser Allen ohne Ausnahme obliegenden Pflicht entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Verallgemeinerung des Wissens im jüdischen Volke, die nicht nur weitaus Alles überragte, was an Bildung und Wissen in den Jahrhunderten des *) Pentateuch V. Kap. 17, 18, 19. Mittelalters in anderen Kreisen im Volk vorhanden war, sondern auch von der heutigen Bildungsstufe der Masseu noch bei Weitem nicht erreicht wird. Denn jene Popularisirung des Wissens, welcher sich so viele edle Geister der Jetztzeit widmen und welche jetzt erst ernstlich angestrebt wird, sie bildete seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden, die ideale Aufgabe jedes einzelnen Bekenners des Judenthums und ward auch von einem durchaus nicht geringen Procentsatze derselben thatsächlich erreicht. An das emsige, eingehende Studium der min, der dwj und Doim schloß sich nämlich als nothwendige Eonsequenz das, alle Geistesgaben in eminentem Grade in Anspruch nehmende, Studium des -iib^n, seiner Kommentatoren und der ganzen unermeßlichen, sich an ihn anschließenden Literatur. Und da erschloß und erschließt sich dem forschenden Geiste eine solch' unendliche Fülle vou Anschauungen, von Kenntnissen, von ethisch-philosophischen, juridischen, naturhistorischen, kurz, alle Gebiete menschlichen Wissens berührenden Verhandlungen und Untersuchungen, daß es notwendiger Weise hell und klar werden mußte in den Köpfen, die dieses unernreßliche Material zu bewältigen im Stande waren. Denn gestehen wir es nur aufrichtig ^ein. Selbstständig ein Blatt Gcmoroh mit Raschi und Thossaphot lernen zu können — und das ist ja nur der Anfang des Studiums, gleichsam das Handwerkszeug — ist unendlich schwieriger, erfordert ein viel intensiveres Studium uud einen viel größeren Aufwand an Fleiß und Scharfsinn, als beispielsweise das Erlernen alter und neuer Sprachen und der populären Naturwissenschaften, und ist unendlich schwieriger, als z. B. das Studium Horaz'scher Oden, oder der Antigone des Sophokles, oder der Dramen Shakespeare's. Und es gab eine Zeit — und sie wird mit Gottes Hilfe auch wiederkehren — wo jener Jude, weß Standes er auch immer sein mochle, sobald er nur nicht zu den Unwissenden gerechnet werden wollte, es dahin brachte, „sein Blatt Gemoroh" selbstständig lernen zu können. Eine Folge dieses intensiven Studiums, wie es Jahrhunderte lang im gesammten jüdischen Volke geübt wurde, und das ihm den Spottnamen des „Studentenvolkes" eintrug, ist die von allen Gegnern anerkannte, vielleicht sogar überschätzte semitische Intelligenz. Muß auch sie ja sogar mit herhalten, um einen tieftraurigen Vorwand für den das Jahrhundert der sog. Aufklärung und Intelligenz in's Antlitz schlagenden Ra^enhaß mit abzugeben! Diese vielberufene semitische Intelligenz könnte sogar als einer der eclatanteften Beweise für die