Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1889)
- Date
- 1889-09-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1363 VI. Rabbi Elieser blickte auf und sah den jungen König vor sich stehen. Da überwältigte ihn sein Gefühl; Thränen entstürzten seinen Augen, und ein tiefer, schmerzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust. „„Warum weinst Du?"" fragte der König. „O, Herr, die Erinnerung an Deinen Vater, meinen theuern, heißgeliebten Herrn und Freund überwältigt mich. Und diesen gütigen Herrn, der mir stets ein so liebevoller Gebieter gewesen, der mich aus dem Staube emporgehoben und groß gemacht hatte, soll ich heimtückischer Weise aus dem Wege geräumt haben!" Rabbi Elieser hatte sich erhoben und schaute dem Könige vorwurfsvoll in's Angesicht. „„Beruhige Dich,"" sagte der König, „„Deine Unschuld ist beinahe erwiesen, da ein Anderer jener schändlichen Thal dringend verdächtig ist."" „Warum hat man mich überfallen und ohne Verhör in den Kerker geschleppt, um mich dort vermodern zu lassen?" „„Ich bekenne, es ist Dir Unrecht geschehen. Ich bin gekommen, um Dich um Verzeihung zu bitten."" „Wenn mein König befiehlt, so muß ich gehorchen." „„Ich befehle nicht, ich bitte."" „Wer könnte der Bitte des Königs widerstehen?" „„So sind wir wieder Freunde. Setze Dich mir gegenüber. Es sind wichtige Dinge, die mich veranlassen, Deinen Rath einzuholen. Bei meiner Thronbesteigung habe ich Mustapha jzu meinem Großvezier ernannt. Schon seit geraumer Zeit ist das Volk, wie ich jetzt erst erfahre, unzufrieden mit Mustapha's Verwaltung. Jetzt klagt ein Derwisch ihn an, daß er der Mörder meines Vaters sei. Das Volk ist in Hellen Haufen vor meinem Palast erschienen und hat den Kopf des angeblichen Königsmörders verlangt. Mustapha behauptet unschuldig zu sein. Zu sihm halten die Großen des Reiches. Was soll ich thun? Das Volk droht mit Empörung, wenn ich den verhaßten Großvezier nicht opfere. Thue ich das Letztere, so habe ich zu fürchten, daß mich der Anhang Mustapha's aus dem Wege räumt, wie es meinem armen Vater geschehen ist. Zu alledem kömmt noch die Nachricht, daß die Feinde des Reichs an den Grenzen desselben ein großes Heer sammeln, um uns mit Krieg zu überzieheu. Du siehst, daß meine Lage eine sehrgefahrvolle ist, daß meine Krone, daß mein Leben auf dem Spiele steht. Du warst einst der bewährte Rathgeber meines Vaters. Alles, was Du in seinem Dienste unternommen hast, ist gelungen. Deßhalb bitte ich Dich, daß Du mir jetzt hilfreich zur Seite stehen mögest. Werde wieder der erste Beamte dieses Landes. Nur Dir allein wird es gelingen, die rechten Maßnahmen zu ergreifen und mich aus meiner gefahrvollen Lage zu befreien."" „Du verlangst Schweres von mir, o König. Aus dem Kerker soll ich herausgehen, um die Regierung des Landes zu übernehmen! Noch belastet mit niederem Verdachte soll ich mich den zahlreichen, wüthenden Feinden entgegenstellen! Das wäre gleichbedeutend mit dem Verlangen, mich sofort dem Tode preiszugeben." „„Ich beschwöre Dich bei dem Andenken meines Vaters, der Dich so sehr geliebt hat: verlasse seinen Sohn nicht in dessen großer Roth und Bedrängniß."" „Mein Herr und König, gewähre mir einen kleinen Aufschub. Noch fühle ich mich zu schwach und angegriffen von der schweren Kerkerhaft, von der trüben Leidenszeit. Mein Geist hat seine Spannkraft noch nicht wiedererlangt. Lasse mir Zeit, der Sache nachzudenken und in Ruhe zu überlegen, ob es in meiner schwachen Kraft steht, Dir zu helfen." „„Aber die Ereignisse drängen, rasches Handeln thut noth."" „So will ich denn die Frist ganz kurz bestimmen. Morgen werde ich meinem Könige meinen Entschluß mittheilen." „„So sei es"", sagte der König sich erhebend. „„Morgen um diese Zeit werde ich meinen Wagen senden, der Dich zu mir führen soll."" Der König ging, und Rabbi Elieser war wieder allein. Mit großen Schritten durchmaß er das Gemach. Mächtig wogten die Gedanken in seinem Haupte. Da fiel fein Blick auf das, was er geschrieben hatte, bevor der König zu ihm gekommen war. Er las, und ein Lächeln der Befriedigung verklärte seine Züge. „Wie glücklich ist doch der," sprach er vor sich hin, „welcher unbekümmert um das Getriebe der großen Welt der heiligen Wissenschaft und der göttlichen Forschung leben kann!"