Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1889)
- Date
- 1889-09-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1361 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 22. September. Neues Leben erwacht in der Berliner Gemeinde. Die Palleten stoßen in die Posaune, um die Mannen zum unblutigen Wahlkampfe zu erwecken. Das erste Lebenszeichen hat der Central-Vorstand der fünf nach den verschiedenen Stadtgebieten gebildeten Sektionen gegeben. Derselbe berief auf den 21. d. M. eine Gesammtsitzung der Vorstände der Sektionen, um die Wahlagitation in's Rollen zu bringen. Aus der Tagesordnung stand: 1. Berichterstattung über die bisherige Thätigkeit und gegenwärtige Lage des Wahlvereins. 2. Beschlußfassung über die einzuberufenden General-Versammlungen der Sektionen. (§ 4 der Statuten des Central-Vereins zur Vorbereitung der jüdischen Gcmeindewahlen.) 3. Festsetzung der Tagesordnung für diese Versammlungen. 4. Form der Einladungen. Der Vorsitzende, Herr S. Leichtentritt, entwickelt in bündiger Rede Ziele und Zwecke der Versammlung, die darin gipfeln, das Material für die öffentlichen Gemeindeversammlungen zu sichten und den innerhalb der Gemeinde erwachten Eifer für jüdische Interessen in die richtige, heilvolle Bahn zu lenken. Bei der überaus regen Theilnahme, welche die Wähler sämmtlicher Stabtgegenden kundgegeben, sei zu hoffen, daß das begonnene Werk auch von Erfolg gekrönt sein werde. Der Redner ermahnt die Versammlung, der Schwere der Ausgabe gemäß die ganze Thatkraft in die Wagschale zu werfen, die Szene des Kampfes, die allerdings Mühen und Sorgen im Gefolge haben, nicht zu scheuen, denn von dem endlichen Siege hänge der Frieden und das wahre Wohl der jüdischen Gemeinde Berlins ab. — Demnächst erhält das Wort der Berichierstatter Herr Conrad Scheper, der durch seine ausgezeichnete Redekraft die Versammlung zu fesseln und selbst den sprödesten Stoff gefügig zu machen versteht. Derselbe gibt einen klaren und faßlichen Bericht über die Thätigkeit des Central Vorstandes, den er für berufen hält, die Ein zelVorstände der Abtheilungen zu informiren und über den Fortgang der Wahlthätigkeit in Lausendem zu erhalten. Da ein schriftlicher Bericht nicht volle Klarheit für Jedermann schaffe, und da ferner einzelne Berichterstatter in den verschiedenen Abtheilungen leicht ein Auscinanderlaufen der Ansichten verursachen könnte, habe man sich, um eine einheitliche Wirksamteit zu bewerkstelligen, zu Einberufung dieser im Statut nicht vorgesehenen Gesammtsitzung sämmtlicher Vorstände entschlossen.! Aus der gemeinsamen Berathung müsse nunmehr ein gleichartiger, für sämmlliche Gemeindeversammlungen bestimmter Bericht hervorgehen. Der Redner berichtet nunmehr über die Einnahmen der Centralkasse, die sich auf 1500 Mark von 400 Mitgliedern belaufen. Wenn diese Zahl eine zu geringe scheine und vielleicht so manchen Schwachherzigen entmuthige, so sei zu bedenken, daß in Berliner jüdischen Kreisen seit Jahren ein beklagenswerther Jndifferentismus herrsche, der nicht mit einem auch noch so kühn geführten Hiebe zu bewältigen sei. Ferner verhalte sich die große Menge einem Novum gegenüber stets zagend und abwartend, da man seit Jahren nur das zu thun gewöhnt war, was von oben herab dekretirt wurde. Diesen bedauerlichen Schwierigkeiten gegenüber dürfe man für den ersten Anlauf von einem achtbaren Erfolge sprechen. — Den Termin für die öffentlichen Gemeindesitzungen will Redner auf die Tage zwischen Neujahrs- und Versöhnungsfest vertheilt wissen. In diesen öffentlichen Versammlungen müßten die Erfolge der 75er Commission, welche im verflossenen Winter von den Gemeindemitglirdern erwählt wurde, hingewiesen werden. Zu diesen Errungenschaften zahlte Redner den von der Gemeinde eingerichteten Jugendgotte Sd ienst. Denn als das Rabbinat der jüd. Gemeinde vor 8 Jahren einen dahinzielenden Antrag bei den Gemeindebehörden stellte, wurde derselbe, — vorgeblich wegen Undurchführbarkeit — pure abgelehnt. Der erwähnten Commission sei auch die Einrichtung der vier Betsäle von Seiten des Gemeindevorstandes zu verdanken. Denn als diese Frage in den öffentlichen Versammlungen als ein wunder Punkt der Gemeindeführung bezeichnet wurde, erwiderte ein für jüdische Lehre und religiöses Leben warmfühlender Repräsentant, daß die Beschaffung von Lokalen dem Vorstande wohl wünschenswerth schiene, aber an der Unmöglichkeit solche zu erlangen, gescheitert sei. Trotz dieser bona fide abgegebenen Versicherung seien dennoch die vier Lokale entdeckt und eingerichtet worden. *) — Endlich wurde in süßem Flüstertöne gewarnt durch ein Gesuch um Bewilligung von fünf Wahllokalen den Regierungsbehörden Handhabe zur Einmischung zu gewähren. Man werde sich hohen Orts nicht beeilen, die Wünsche der Gemeinde zu erfüllen. Auch diese Auffassung scheiterte an der Gewalt der Thatsachen. Wohl verwahrte der Gemeindevorstand das Gesuch der 75er Commission, das süns Wahllokale für die nach allen Windrichtungen hin vertheilten Wähler forderte, zwei Monate in seinem Schahkäftlein; die hohe Behörde jedoch ließ innerhalb acht Tagen die Genehmigung herabgelangen. — Doch diese Erfolge dürften den stets genügsamen Wählern kein Schlummerliedchen singen, vielmehr müßte der Gewinn zu erneutem und energischerem Streben aneifern. — Die verschiedenen religiösen Richtungen, die innerhalb des Wahlvereins vertreten sind, dürsten kein Hinderniß bieten. Wohl werden Versuche gemacht werden, diese Schlange der Zwietracht in den Verein zu schleudern, doch werden diese Mittel nicht verfangen. Conservative und Moderne reichten sich die Hände, um das Judenthum in Berlin wieder zum Bewußtsein seiner Würde zu bringen, um seine herrlichen Lichtseiten zu offenbaren und das schlummernde Selbstgefühl aufzurütteln und zu kräftigem Leben zu erwecken. (Rauschender Beifall.) Der Schriftführer, Herr vr. Deuschländer, constatirt, daß der Berichterstatter wohl im Namen der Centralvorstandes die Versicherung abgegeben habe, religiöse Fragen aus den Debatten auszuschließen, doch damit sei keine ausreichende Bürgschaft geboten. Herr I. W. Fernbach stellt demnach den Antrag, daß die Versammlung über diesen Punkt einen bindenden Beschluß fasse. Herr L. Guttman hält die Abstimmung für überflüssig, da kein Widerspruch gegen die Ausführung des Sch. erhoben wurde. Herr Scheper fürchtet, diese Ansicht könnte bei einer Abstimmung auf Widerstand stoßen *)Daß sämmtliche Lokale nach dem allerneuesten Ritus und mit Harmonium ausgestattet wurden, gereicht dem Vorstände nur zur Ehre. Derselbe will den Strenggläubigen den deutlichen Wink geben, daß sie auf keinem religiösen Gebiete ein Entgegenkommen von Seiten des Vorstandes zu erwarten haben, daß der Gedanke einer friedlichen Verständigung noch sehr ferne liege. - Die berufenen yptfl *7j/2 haben übrigens abgelehnt, diese „Harmonie" durch ihre Mitwirkung zu weihen und zogen es vor, auf dir angebotenen Ehrenämter zu verzichten. Der Corr.