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Der Israelit · 1889-09-24 · Heft 76-77 (24.9.1889) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 76-77 (24.9.1889)
Date
1889-09-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1342 den Menschen als sein Eigenthum zu betrachten und in Willkür zu behandeln, daß der Knecht ebenso mit einem freien Willen ausgestattet ist, wie der Herr und folglich ebenso das Selbstbestimmungsrecht hat wie dieser. Darum sollst du deinen Knecht wie deinen Bruder behandeln; nicht zu strenge mit ihm sein, nicht zu schwere Lasten auf ihn bürden, ihn nicht körperlich verletzen und ihn betrachten wie deinesgleichen. In diesem Sinne ist auch der Socialismus, welcher sich beim Manna zeigt, wo Jeder ein gleiches Maß von der göttlichen Speise zu seinem täglichen Bedarf hatte, aufzufassen. Das Manna war ein Gottesbrod, das nicht durch Arbeit, Fleiß oder Fähigkeit erworben werden mußte. Das Volk war ein Gottesvolk, in welchem ein jeder vor seinem göttlichen Führer gleichberechtigt war und demzufolge auch ein gleiches Recht auf den Besitz hatte. (Exodus 17. 18.) Die vollkommene Gleichheit vor Gott bekundet sich auch in dem halben Schekel, den jeder Einzelne in Israel zum Heiligthum beisteuern mußte, wo es ausdrücklich heißt: Der Reiche soll nicht mehr, der Arme nicht weniger geben (das. C. 30, 15). Das Schuldnererlaßgesetz im „Erlaßjahre" gebietet Schonung mit dem Armen, der nicht zu bezahlen hat (Deuteron. 15. 2). Die Nachsicht und das Mitleid aber hört auf, wo es der Schuldner auf Betrug abgesehen hat, oder wo das Wohl der Gesammtheit Strenge erheischt, und da tritt auch das Gesetz zurück und das „Prusbul" korumt.in Wirksamkeit. (Gitin 36 a.) Socialistisch ist auch das Gebot: „Wenn du in den Weingarten deines Nächsten kommst, so darf du Trauben genießen, so viel du zur Sättigung bedarfst, aber in dein Gefäß darfst du nichts geben." „Wenn du in die Saat deines Nächsten kommst, so darfst du mit der Hand Aehren abrupfen, aber die Sichel über das Getreide zu schwingen, ist dir nicht gestattet". (Deuteron. C. 23, V. 25, 26). Der Besitzlose hat das Recht, sich der Gaben der Natur zu erfreuen, selbst wo es auf Kosten des Besitzenden geschieht, nur darf er keine Absicht haben, Schaden zuzufügen. Aus Mitleid wird auch geboten, daß du deinen verarmten Bruder so unterstützen sollst, damit er genug zu leben habe. Levitic. 25. 35.) Der Talmud verlangt sogar: man ist verpflichtet dem Verarmten denselben Luxus zu bieten, den er sich einst in seinem Reichthum zu gönnen pflegte. Hillel verschaffte sogar einem „Herabgekommenen" ein Pferd zum Ausreiten und einen Diener, damit er vor ihm einherlaufe und als er einst keinen Diener fand, lief er selbst vor ihm einher. (Kethubot 67.) In Aboth (5. 10.) heißt es: „Wer da spricht: nimm Dir von dem Meinigen und behalte auch das Deinige, der ist wahrhaft fromm." „Wer da spricht: ich will, daß mir das Meinige und Dir das Deinige bleibe, der verfährt wie die Sodomiter", denn er will den Besitz streng gesondert wissen und gestattet dem Einen keinen Antheil am Eigenthum des Andern. Die socialistische Lehre spricht sich auch in dem Gebote: „Und Anne sotten deine Hausgenossen sein" aus. Ferner in dem Satze: Gehöre lieber der arbeitenden, als der herrschenden Classe an" (Aboth 2. 2). Selbst die Wissenschaft erlangt erst dann den vollen Werth, wenn sie mit nutzbringender, materieller Arbeit verbunden wird (daselbst). Am 15. des Monates Ab, so erzählt der Talmud (Taanis 31. a.), war alljährlich ein Freudentag in Israel, in welchem cs in den Weinbergen ein Volksfest gab, zu dem die Töchter Zions in geliehenen Kleidern erscheinen mußten, damit die Unbemittelten und Armen, welche selbst keine Festkleider besaßen, nicht beschämt werden. Selbst die Töchter des Königs und die des Hohenpriesters mußten von einander die Kleider borgen, damit an diesem Tage vollkommmene Gleichheit herrsche. * * Das Gesammtergebntß dieser Ausführung ist, daß der Soeialismus in der Praxis eine Utopie bleibt, daß die Gleichheit in allen ihren Consequenzen auszuführen eine Unmöglichkeit ist, weil cs einerseits ein Fluch für das Menschengeschlecht wäre, alle Glieder desselben auf gleichem Niveau der Niedrigkeit zu erhalten, während es andererseits ein unerreichbares Ideal bleibt, die Gesellschaft auf eine gleiche geistige, moralische und materielle Höhe zu bringen. Die Gleichheit im Besitze wird nicht einmal von einer mcssianischen Zeit verheißen. Die Zeit der Erlösung, sagt der Talmud: (Sabbat 151 d.) wird sich in nichts von der Jetztzeit unterscheiden, nur daß dann jeder politische Druck aufhören wird. Von einer Ausgleichung der Geseüschaftsunterschiede ist auch hier nicht die Rede. Es bleibt daher nichts Anderes übrig, als die socialistische Idee vom Standpunkte der Humanität, der Theil nahm e, des Mitleides und der allgemeinen Menschenliebe aus, mit dem größten Eifer zu pflegen; als das unermüdliche, rastlose Streben nach dem höchsten Ideal, die ganze Menschheit auf eine gleiche geistige und sittliche Höhe zu bringen; das moralische Bewußtsein durch allgemeine Bildung im Volke zu heben; seine Erkenntniß, seine Selbstachtung zu fördern; seinen sittlichen Ernst großzuziehen durch gleiche Antheil-

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