Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 76-77 (24.9.1889)
- Date
- 1889-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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xxx. Jahrgang. Erste Beilage M M 76 & 77 öes „Israelis <fc „Ieschurun". % eit e nb e MvtifeU |>er Socialismus. Seine Theorie und Praxis nach Bibel und Talmud. Von Rabbiner Heinrich Galandauer. (Schluß.) Es wäre überflüssig hier alle Fälle von Bevorzugten vorzuführen -- welche vom menschlichen Standpunkte aus betrachtet Theilnahmeder Gesammtheit nicht entbehren können. Es genügt hier der allgemein bekannte Ausspruch des Talmud: „Es stirbt kein Mensch, dem nur die Hälfte seiner Wünsche in Erfüllung gegangen wären", um darzuthun, daß es keinen Menschen auf Erden gibt, der keine Wünsche hätte, dem das Leben so sanft nach seinem Belieben dahingleitet, dessen Glückeshimmel sich nie trübt und der vollkommen glücklich ist, um der Teilnahme Anderer ganz und für immer entbehren zu können. In diesem Sinne und nur in diesem Sinne allein empfiehlt die Bibel und der Talmud den Socialismus und darin finden auch unsere angeführten Beispiele von den einzelnen Bevorzugten ihre Anwendung. Du bist Herrscher und besitzest Macht, wisse aber auch, daß du dem Geschicke gegenüber ohnmächtig bist, folglich: hilf dem Ohnmächtigen und Hilflosen. Du bist befähigt und mit Ruhm bedeckt; Gleichgiltigkeit und Verachtung kann dein Loos sein, folglich komm' den Unbedeutenden freundlich entgegen und verachte keinen Menschen. Du bist mit Reichthümern gesegnet: es kann dich Armuth treffen, folglich unterstütze den Armen und Dürftigen. Ueberall wo das Mitgefühl in Betracht kommt, bedenke, daß weder Macht, noch Ruhm, noch Reichthümer dir gehören, daß alle Glücksgüter des Lebens nur von kurzer Dauer sind, und daß du sie nur besitzest, um sic zum Heil, zum Nutzen und Frommen der Menschheit zu verwenden. So hat auch das Grundprinzip in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, seine volle Giltigkeit, weil es nicht auf der Gleichheit im Besitze beruht, was, wie oben nachgewiesen wurde, unausführbar sei, sondern weil es sich auf die Teilnahme und auf das Mitgefühl stützt, worauf Alle gleichen Antheil haben und wonach dieses Gebot folgendermaßen ausgelegt werden muß: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, weil du selbst der Liebe bedarfst; gehe schonungsvoll mit ihm um, weil du selbst Schonung forderst, sei barmherzig und mitleidsoll, weil du selbst der Barmherzigkeit und des Mitleides benöthigen kannst. Mit kurzen Worten: Versetze dich stets in die Lage deines Mitmenschen, betrachte seine Interessen als die deinigen, so wirst du stets nachsichtsvoll über ihn urtheilen und stets freundlich und liebevoll gegen ihn sein. Von diesem Standpunkte aus sind alle Stellen in Bibel und Talmud zu betrachten, welche die socialistische Lehre verkünden. Beim Jubeljahr, da der Bodenbesitz dem alten Eigenthümer zurückgegeben werden mußte, da die Sklaven der Freiheit theilhastig wurden, wird ganz mit Recht als Grund dieser Verordnungen angegeben: „denn mir gehört das Land" (Leviticus C. 25, B. 23.) denn gleich nach der Besitzergreifung deS heiligen Landes durch Israel wurde der Boden an das ganze Volk gleich vertheilt. ES gab mithin keine Reichen und keine Armen in Israel. Mit der Zeit mußte sich freilich nothwendigerweise eine Ungleichheit im Besitze herausgestatten, welche aber durch die weitestgehenden Gesetze in die möglichste Ferne hinausgeschoben werden sollte. Ist aber einmal eine Ungleichheit im Besitze eingetreten, so mußte der Besitzer die Worte: „denn mir gehört das Land" stets vor Augen haben; er mußte bedenken, daß der Boden bleibt, während dessen Eigenthümer wechseln, daß die Natur nicht darum dem Einen ihre Gaben spendet, um sie dem Andern zu entziehen; das Land gehöre Gott, und vor Gott haben alle gleiche Rechte. Darum soll der Nachwuchs in den Brachjahren dem Armen; die Ecken deS Feldes, die Nachlese, und die bei der Ernte herabgefallenen Aehren und Garben dem Dürftigen gehören. Die Worte wieder: „denn sie sind meine Knechte" als Motivirung zu dem Gesetze der Freilassung aller Knechte im Jubeljahr, lehren das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Als Kanaan von Israel erobert wurde, gab es in diesem Volke keine Herren und keine Sklaven; es herrschte unter ihm eine vollkommene Gleichheit. Nothwendigerweise muhte auch hier mit der Zeit eine Ungleichhett eintreten, aber der Sklavenbesitzer mußte stets der Worte: denn sie sind meine Knechte, eingedenk sein und erkennen, daß der Mensch nicht das Recht hat