Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 76-77 (24.9.1889)
- Date
- 1889-09-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1335 Schöpfung nichts mehr mit Derselben zu thun habe; also die Verbindung zwischen Gott und Welt, zwischen Schöpfer und Schöpfung nur darin bestehe, daß Er zwar der Schöpfer, aber die Schöpfung nun sich selbst überlassen habe. Das ist ja auch die Ansicht vieler klugen Leute in unseren Tagen. Und man denkt dann logischer Weise weiter: Auch wir sind vollendete Wesen, fertige Charaktere, sobald unsere Jugenderziehung abgeschlossen, sobald wir die Schule verlasseu haben und — man ist mit sich zufrieden, so wie man ist. Dieser aus alter heidnischer Zeit stammenden Anschauung tritt Rabbi Jose bcn Chalafta entgegen. Wohl hat Gott, sagt er, in sechs Tagen Seine Welt geschaffen, aber Er steht in engster Fühlung mit der Schöpfung, „macht Leitern, den Einen aufwärts führend, den Andern abwärts." Auf- und abwärts steigen die Menschen, der Eine zur Himmelshöhe emporstrebend, der Andere von der Höhe seiner Menschcnftellung herabsteigend, auf Leitern, auf Verbindungswegen, die Gott errichtet. Auf diese Weise stellt Gott uns die Höhe als Ziel vor, das wir erstreben sollen. Gott zeigt uns aber auch die Tiefe, zu der wir herabsteigen können. „Der Eine steigt hinauf, der Andere herab." Auf derselben Leiter, die der Eine benutzt zum Emporsteigen und die ihn immer höher und höher führt, steigt der Andere herab von Sprosse zu Sprosse. Und nicht blos eine Leiter, nicht einen Weg nur gibt es, der uns hinaufführt zur Höhe, sondern viele Wege für die verschiedenen Menschen, für die verschiedenen Eigenheiten, Berufsarlen und Lebensstellungen; auf allen können wir, sofern es L ei te r n, von Gott errichtete Verbindungsmittel sind, welche uns ein Aufwärtssteigen ermöglichen, der Höhe zustreben. Ebenso wie es gar manigfache Wege gibt, die zur Tiefe herabführen. Wie viele Mittel und Wege zeigt uns der da Droben sitzt in der Höhe im Laufe eines Jahres, durch die es uns klar werden könnte, daß Er Leitern aufgerichtet, daß wir auf- oder abwärts steigen! So wenig wir die Schöpfung im Sinne jener heidnischen Matrone als abgeschlossen betrachten können, nach welcher der Schöpfer nicht mehr innerhalb Seiner Schöpfung, sondern außerhalb derselben stünde, so daß die Welt ihres Schöpfers entrathen könnte, für sich allein fortbestünde, und so wenig wir von uns sagen dürfen und können, wir seien vollendet und vollkommen: ebensowenig ist beim Beginne des Jahres das verflossene als abgeschlossen aufzufassen. Wir denken uns das so; aber was wir im verflossenen Jahre unternommen und begonnen, das wird oft erst in späteren Jahren vollendet. Und wie es ausfallen wird, auch das hängt nicht vom Jahresschlüsse ab. Wie wiel Jrrthümern und falschen Ansichten ist doch der Mensch unterworfen! An der Schwelle des neuen Jahres sollte man doch sich deutlich bewußt werden, daß der nwn -teitt von Menschen eingesetzter und durch menschliche Verhältnisse hervorgerufener Festtag ist, ösw d*pht* ’o „sondern Gott, der Richter" hat eine Frist bestimmt, bw ro on* nn „Diesen erniebrigt Er, Jenen erhebt @r." Nicht von selbst, durch eigene Kraft oder eigenes Verschulden allein, nicht durch Gunst wder Ungunst der Verhältnisse steigen wir aus- und abwärts. Bestimmt von Gott ist unser Geschick, der nach Verdienst einem Jeden vergilt, der nach Seinem Rathschlusse uns auf. und niedersteigen läßt. Die Vorsehung Gottes erkennen wir damit an und treten zugleich jener heidnischen Auffassung entgegen. „Dieser wird erniedrigt, Jener wird erhöht." Bei dem Einen ist es uns offenbar, daß Gott ihn hat niederfteigen lassen, und bei dem Andern ist es uns zweifellos, daß Gott ihn erhöht. So mußte es kommen, sagen wir, das sind die Folgen seines Thuns, das ist die Strafe für seine Handlungsweise. Und in der Erhöhung des Andern erblicken wir den verdienten Lohn. In den Geschicken Anderer erkennen wir, daß ein Richter über uns ist; aber über uns selbst wollen wir nicht das Gleiche zugestehen. Aber „Dieser wird erniedrigt, Jener wird erhöht." Wie im Leben die Folgen unserer Handlungen selten sich sofort fühlbar machen, wie nur in seltenen Fällen unser redliches Mühen und Ringen sofort von günstigem Erfolg begleitet ist; so ist auch in unserem Verhältnisse zu unserem Schöpfer eine ganz gleiche Wahrnehmung zu machen. Der Eine, der sich so hoch dünkte, daß er nur für sich als Mensch lebte und jede höhere Pflicht seinem Gotte gegenüber ableuguete; er steigt, ja stürzt oft plötzlich und gewaltsam von seiner erträumten sicheren Höhe, als gäbe es doch eine höhere Macht. Er stutzt, wird etwas nachdenklich, schüttelt aber dieses beunruhigende Gefühl wieder gewaltsam von sich; er müßte ja eingestehen, was er bis jetzt als Wahrheit vom Standpunkte der Vernunft aus erkannt und wonach er sein ganzes Leben gestaltet, sei nicht Wahrheit; er müßte sich eines großen Jrrthums zeihen, müßte so viele Gesinnungsgenossen des gleichen Jrrthums anklagen; er müßte sich fürschuldig bekennen, für fehlbar —, das aber gibt das stolze Gefühl seiner Menschenwürde und sein