Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1889)
- Date
- 1889-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1300 dauerte zwei Stunden, die Vertheidigung führte Rechtsanwalt Dr. Sternberg. Dem Vernehmen nach erklärte Dr. Lesser den Bernstein für geistesgestört, und zwar beruht nach , der Ansicht des Sachverständig der Irrsinn des Angeklagten auf „erblicher Belastung." Lediglich um hierüber Erhebungen anzustellen, beschloß düs Gericht, ein Obergutachtcn des Medizinalkollegiums einzuholen. Bernstein bleibt wegen Gemeingefährlichkeit seines Treibens in Untersuchungshaft. In.der gestrigen Verhandlung soll er, wie am 21. Februar, erklärt haben, im Zustande von Geistesabwesenheit gehandelt zu haben. Bemerkt sei noch, daß die „Kreuzztg." die erste Verurteilung Bernsteines rnit dem Bemerken gemeldet hatte, daß er einem Christenknaben „Blut abgezapft" habe, wobei das Junkerblatt dann nicht umhin konnte, das tausendmal böswillig in die Welt gesetzte Ammenmärchen von den rituellen Blutopfern der Juden von Neuem aufzuwärmen. Hoffentlich läßt sich das genannte Berliner Organ jetzt durch die Thatsache, daß Bernstein genau dieselbe Handlung, wegen deren er verurtheilt worden, auch an jüdischen Knaben vorgenommen hat, endlich von der Absurdität und Frivolität seiner früheren Meldung und Erörterung überzeugen. Hamburg. Donnerstag, 16. Ellul 5649 (12. Sept. 1889.) In der prachtvoll erleuchteten mit Palmen und Blumen herrlich geschmückten großen Synagoge, Kohlhöfen, in Anwesenheit des berufenen Vertreters eines hohen Senates, aller rrivib, Vorstände, Deputirten, Commissionen, Vertreter von Nachbargemeinden und eines festlich gekleideten Publikums, welches den weiten und schönen Raum bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, fand heute Abend 6 Uhr beginnend, die überaus feierliche Einführung des neuerwählten Oberrabbiners Herrn Marcus Hirsch Wohlehrwürden in sein hohes Amt statt. Die Feier begann mit Gesang und Posaunenbegleitung, Psalm 118, Vers 26—29 'ui »an. Hierauf folgte Psalm 15 (Vorsänger und Chor), wobei insbesondere Herr Oberchasan Süßkind die Gemeinde mit seiner vorzüglichen Tenorstimme wahrhaft entzückte. Nicht minder zeichnete sich Herr Oberchasan Dreyblatt bei dem nun folgenden Psalm 24 (Vorsänger und Chor) aus. Jetzt bestieg Herr Dr. S. P. Nathan die Kanzelum in wohlgelungener Rede sich des ihm gewordenen ehrenvollen Auftrages zu entledigen, den Herrn Oberrabbiner in sein neues Amt einzuführen. Mit dem Rufe aus dem Wochenabschnitte -jxi:n nnx 711a begrüßte er ihn Namens des Vorstandes und der gesammten Gemeinde. Erprobt im Amte aus der altehrwürdigen Gemeinde Prag kommend, gehe ühm der Ruf eines bedeutenden Talmudisten, eines hervorragenden gelehrten und eines gottesfürchtigen gewandten Rabbinatsverwalters voraus. Redner gedachte nun der bedeutenden Männer in den rnx ni^np die als Rabbiner fungirt, sowie der beiden speziell Hamburgischen. Nach dem Ableben des unmittelbaren Vorgängers des sel. Oberrabbiners Stern wurde dem Redner in Gemeinschaft mit'"n^ '-i "nrno die interimistische Verwaltung des Nabbinates übertragen. Nunmehr richte er (Redner) an seine Hochwürden die Bitte, dieses Amt aus seinen Händen zu übernehmen und es im Sinne seiner Vorgänger getreulich zu verwalten. Es setze Gott einen Mann über die Gemeinde „der vor ihnen ausgehe" u. s. w. Redner drückte noch die Hoffnung aus, daß sich ein Jeder bestreben werde, den nunmehrigen Herrn Oberrabbiner in Ausübung seines hohen Amtes zu unterstützen, dadurch daß Gottesfurcht, Einigkeit und Friede herrsche, und sollten, wie es in einer großen Gemeinde nicht anders sein könne, zuweilen Meinungsverschiedenheiten sich tm öffentlichen Leben geltend machen, dann möge es dem Oberrabbiner gelingen, mit seiner Autorität und seinem Einflüsse die Gegensätze zu versöhnen, da er sich des Vertrauens Aller versichert halten könne udv ment 'n nVo vpy ’pby 1^ aawo so schloß der Redner. Die Ansprache hatte etwa 20 Minuten gewährt, dann begann Herr Oberrabbiner Marcus Hirsch seine Erwiderungsrede, ihr den Text aus der Hafthora des Wochenabschnittes zu Grunde legend 'ui ins isapj ubj »Nii "juy n’3D Lautlos horchte die Gemeinde, wie der Redner tu meisterhafter Weise, diesen Text dem Tagesereignisse anpaßte. Nicht ein Amt, sondern einen Dienst zu übernehmen sei er gekommen. So habe auch ‘x'büi pi, wie oer Talmud erzählt, einst seinen Schülern zugerufcn xbx nn® xb nnay Liebgewonnenc Verhältnisse habe er gelöst und sei dem ehrenvollen Rufe nach Hamburg gefolgt irei •pn1? ami zitternden, aber freudigen Herzens habe er diesem Rufe gefolgt, er sei ihm wie eine Gottesstimme gewesen, die ihm zugerufen, ziehe hinaus und wirke für die drei Säulen des Weltalls min n"jn miay und das gelobe er zu thun, wie es seine Vorgänger gethan, deren auch er ehrenvoll gedachte. In schöner Weise erklärte der Festredner noch den Beginn des Wochenabschnittes wen e rrm, daß der Aufenthalt Israels im heiligen Lande, worin Milch und Honig überfloß, eine Vorbereitung für dessen Weltenberuf gewesen sei; ein Volk in einem armseligen Lande sei nicht im Stande sich geistig emporzuschwingen, wie es Israels Aufgabe gewesen und stets sei. Um aber im Ueberfluß vor Ueber-