Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1889)
- Date
- 1889-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1296 führung der Gleichheit der größte Fluch für die Menschheit wäre. Ganz in diesem Sinne sind auch die Worte, mit welchen Gott dieses Vorhaben verurtheilt: „Und haben sie das angefangen zu thun, dann bleibt ihnen nichts mehr übrig zu thun, was sie ^>plant haben." (Genesis, Cap. 11, V. 6.) Wird ^Imal mit dem practischen Socialismus der An- .ng gemacht, dann bleibt auch nichts anderes üb- - big als die vollkommene Durchführung desselben bis zum äußersten Endpunkte, welches den Ruin der Menschheit herbeiführen würde. In der Geschichte von Jakob und Esau kommen die Vorrechte der Geburt zum erstenmale zur Erscheinung. Die Vorrechte des Erstgeborenen, welche von allen Völkern zu allen Zeiten anerkannt wurden, können, was man gegen dieselben K.rch einwenden möchte, nicht bestritten werden. Als der Erstgeborene das Licht der Welt erblickte, war er der alleinige Erbe des väterlichen Besitzes. Niemand war da, der ihn in seinem Rechte schmälern durfte. Nun folgt ihm ein Bruder in's Leben, welcher ein Anspruchsrecht erhält auf das väterliche Erbgut, wodurch der Erstgeborene in seinem Alleinbesitzungsrechte geschädigt wird. Ist es da nicht billig, daß der Erstgeborene für den nunmehrigen Verlust dieses Rechtes durch Vorrechte, die man ihm über seinen Bruder einränmt, gewissermaßen entschädigt wird? In den Zeiten Jakob's und Esau's, waren, wie allgemein bekannt, die Vorrechte des Erstgeborenen sehr weitgehende. Er war als das Oberhaupt der Familie berechtigt, die Herrschaft und die unumschränkte Macht in derselben auszuüben. Die- . ses Recht sollte nun Esau nach dem Ableben seines Vaters erhalten. Aber selbst bei diesem Vorrechte des Einen über den Andern zeigt sich unsere obige Behauptung vollkommen gerechtfertigt, welche sagt, daß die Bevorzugung nur auf der Intelligenz des Bevorzugten, also auch nur auf der des Erstgegeborenen beruhen darf. Denn von Esau sagt der Talmud: „Esau war ein böser Mensch, der als Wegelagerer die Wanderer auf der Heerstraße überfiel und sie ausraubte." (Baba Bathra 121 a.) Jakob aber, der ein frommer Mann war (Genesis, Cap. 25, V. 27) wußte wohl, daß Esau seine Würde als Erstgeborener mißbrauchen würde, daher trachtete er diesen Vorzug auf friedlichem Wege zu erlangen. Er wußte, was Esau von den materiellen Gütern hielt; er hatte sich überzeugt, daß sie ihm mehr galten als die moralischen und er bietet ihm für sein Vorrecht ein Linsengericht. Esau willigt ein; der Pakt wird geschlossen, und der Würdigere gelangt in den Besitz der Würde. So finden wir mehrere Stellen in der Bibel und im Talmud, aus welchen deutlich zu ersehen ist, daß selbst das legitime Vorrecht des Bevorzugten von der Intelligenz desselben bedingt wird. Von Rüben, dem Erstgeborenen Jakobs, heißt es, daß Joseph dessen Erstgeburtsrechte übernahm, weil Jener nicht würdig genug gefunden wurde (Baba Bathra 121 a). Ferner wird verboten, einem rohen, unwissenden Priester die Hebe zu geben (Sanhedrin 90 d). Selbst der Hohepriester kann sich nur so lange seiner Vorrechte erfreuen, solange er den Bedingungen der Intelligenz entspricht; im andern Falle soll er zur Rechenschaft gezogen und gerichtet werden. (Sanhedrin 18 b.) Und endlich, wie Moses zu Vorgesetzten über das Volk nur wahrheitsliebende, tapfere, gottesfürchtige und uneigennützige Männer wählte, (Exodus, Cap. 18, V. 21) so wird auch die Macht und die Herrschaft der Fürsten und Könige in der Bibel von deren Gottesfurcht und Gerechtigkeit bedingt. -i- * * Nachdem es uns als erwiesen erscheint, daß die Bibel und der Talmud die Vorrechte Einzelner in der Gesellschaft anerkennt und daß diese Vorrechte auf der Intelligenz des Bevorzugten beruhen müssen, wollen wir nun zu unserer eigentlichen Aufgabe schreiten und nachzuweisen suchen, wie der Socialismus in der Praxis, in Bibel und Talmud als verworfen, in der Theorie hingegen als empfehlenswerth erscheint, und gleich hier die Beweise von der Unzulässigkeit des praktischen Soeialismus folgen lassen: Gegen den praktischen Socialismus ist vorzüglich hervorzuheben das zehnte Gebot: „Du sollst nicht gelüsten nach Allem, was deinem Nächsten angehört". (Exodus Cap. 20, V. 17.) Fast unmittelbar darauf folgen die Rechtsgesetze, welche mit der strengsten Genauigkeit das Mein und Dein behandeln. In Cap. 23, V. 3 heißt es daselbst ausdrücklich: Du sollst den Armen nicht bevorzugen in seiner Streitsache." Ferner: „Du sollst die Grenzen deines Nächsten nicht verrücken, welche die Alten begrenzt haben." (Deutronom. C. 19, V. 14.) Von Rüben erzählt die h. Schrift: Er ging aus zur Zeit der Ernte und fand Dudaim auf dem Felde, welche er seiner Mutter Leah heimbrachte. Er nahm nichts anderes als Dudaim, weil er nicht fremdes Eigenthum berühren wollte. (Genesis, Cap. 30, V. 14. Raschi daselbst.)