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Der Israelit · 1889-09-12 · Heft 73 (12.9.1889) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 73 (12.9.1889)
Date
1889-09-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1277 ihm unnöthkg ist, während es dem Andern am Nötigsten mangelt? Wir wollen nicht erst versuchen hier zu schildern, welches Unheil die socialen Gegensätze für die Menschheit in sich bergen, oder wie die Welt von Glückseligkeit erfüllt wäre, wenn vollkommene Gleichheit in der Gesellschaft herrschen würde; keines von Beiden ist hier unsere Ausgabe. Wir wollen nur hervorgehoben wissen, daß die Natur jedem Einzelnen, ohne Unterschied, das Recht einräumt, sich ihrer Gaben zu erfreuen, ohne dem Einen mehr Rechte verliehen zu haben als dem Andern. So richtig und wahr aber auch diese Gleichheitsidee sein mag, so bleibt sie dennoch nur eine Idee, welche uns wohl in unserem Denken und Fühlen leiten soll, deren Realisirung im Handeln in allen ihren Consequenzen auszusühren aber eine reine Utopie bleibt. Gleich bet dem obersten Grundsatz in der mosaischen Religion, welchen auch das gesammte Christenthum als ihr Grundprincip acceptirt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Leviticus 19, 18) kann nicht bestritten werden, daß die consequente Durchführung der Gleichheitsidee hier unmöglich gemeint sein kann. Nehmen wir an, ich besitze taufend Thaler. Es kommt Einer und sagt: Die heilige Schrift gebietet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"; gib mir also die Hälfte deines Besitzes. Ich gebe ihm 500 Thaler. Bald darauf kommt ein Anderer und sagt dasselbe und ich gebe ihm 250 Thaler. Das Resultat wäre, daß der erste „Nächste" mehr besitzen würde, als ich selbst, oder richtiger, daß mir schließlich gar nichts bliebe, wenn ich das Gebot der Nächstenliebe bis an das äußerste Endziel ausführen wollte. Daraus ergibt sich, daß die Lehre der Brüderlichkeit, der Nächstenliebe und der Gleichheit in ihrer vollkommenen Ausführung unmöglich und sogar schädlich wäre, weil durch die consequente Selbstverleugnung und Selbstvergessenheit, die Selbfterhaltung des „Ich" in Frage gestellt würde, welche doch die Hauptbedingung der Existenz bildet. Wenn jemals der Ausspruch des Talmud seine Gültigkeit hat, daß die Rechte immer das aufnehme, was die Linke verwirft, (Sanhedrin 107 d) so ist es in Bezug auf die Theorie und die Praxis des Socialismus. In der Theorie erweist sich die Gleichstellung aller Menschen als annähernswerth; sie beruht auf dem Mitgefühl, auf dem Mitleid, auf der Barmherzigkeit. In der Praxis hingegen ist sie einerseits unausführbar, weil selbst, wenn man heute eine gleiche Vertheilung aller Güter vornähme, morgen schon eine Verschiebung derselben erfolgen Airde, durch Gewalt, durch Fähigkeit, oder durch jerrwtziß Einzelner; andererseits wieder ist sie Vetter,Ad), weil die consequente Durchführung derselbmi nothwendig alles Streben und jede Fähigkeit lähmen müßte,- welches wahrlich nicht zum Heile für die Menschheit wäre. ' (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Bad Kissingen. Der Israel. Cultusverwaltung dahier ist es nach reichlichen Bemühungen gelungen, heute einen Platz für den projektirten Synagogenneubau zu erwerben; es ist dies das hies. Theresienspital mit anstoßenden Gärten und dürfte infolge seiner günstigen Lage Gelegenheit geben, einem dem Badeorte würdigen Tempel erbauen zu können. Die notarielle Beurkundung hat heute in Gegenwart des Herrn Stadtpfarrer Krug als Vorstand der Theresienhospitalstiftung und der Herren Cultusvorstand Holländer, Stiftungscassier Rosenau und Gemeindekassier A. Löwenthal jun., als Vertreter der Gemeinde stattgefunden. Hillesheim bei Alsheim. Der Präsident des hiesigen Kriegervereins, sowie die Vorsteher anderer Vereine ersuchten den hiesigen Lehrer und Cantor Leo Levin am Vorabende des Sedantages die Festrede zu halten. Herr Levin ist diesem ehrenvollen Auftrag mit Freude nachgekommen, und hat seine gediegene Ansprache die volle Anerkennung aller Zuhörer gefunden. Karlsruhe. Auf der hier ftattgefundenen großen deutschen Bäckereiausstellung wurde unser Glaubensbruder Herr Bäckermeister N e u m an n aus Stuttgart für vorzügliche Leistungen prämiirt. Se. kgl. Hoheit der Großherzog besah sich dessen Ausstellung speziell und drückte in einer längeren Unterhaltung seine volle Anerkennung aus. Es ist erfreulich zu sehen, daß das Handwerk von jüdischen Geschäftsleuten auf der Höhe der Zeit zu erhalten gesucht wird. Leipzig, 9. September. Bei den Feldmanövern der sächsischen Armee hatte auf Veranlassung des deutschen Kaisers ein Feldgottesdienst stattgefunden, woselbst die protestantischen und katholischen Soldaten getrennt ihre Gottesdienste abhielten. Die israelitischen Militärs, die in der sächsischen Armee zahlreich genug vertreten, wohnten dem pro-

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