Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-09-02 · Heft 70 (2.9.1889) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 70 (2.9.1889)
Date
1889-09-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447996--28731-2476429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1216 dieselbe nun alle Institutionen einer israelitischen Gemeinde in sich vereinigt, und bei der bekannten Opferfreudigkeit ihrer Mitglieder einer gedeihlichen Entwickelung entgegengeht. Holland. Amsterdam. Der bevorstehende Geburtstag der Kronprinzessin Wilhelmine wird Hierselbst durch ein großes Kinderfest gefeiert werden. Zu diesem Zwecke werden für 20,000 Kinder theatralische und pantominische Vorstellungen in verschiedenen Theatern gegeben werden. Der Geburtstag Ihrer Königlichen Hoheit ist am 31. August und die Eröffnung der Feier wurde auf Abends 7 Uhr festgestellt. Da dieser Tag auf einen Sabbat fällt, so müßten die jüd. Kinder schon vor dem Maarib- Gebete oder der Habdalah (Ceremonie bei der Feier des Sabbatausganges) das Haus verlassen, um die recht weit entfernten Theater zu Fuße zu erreichen. Mit Rücksicht hierauf wurde auf Antrag des Herrn A. C. Wertheim, Mitglied des Oberhauses, die Stunde des Beginnens der Vorstellungen auf 8 Uhr hinausgerückt. — Diese Thatsache spricht mehr als Worte von der Toleranz der Bewohner Amsterdams. Es darf aber hinzugefügt werden, daß ein solches Entgegenkommen auf Gegenseitigkeit beruht und die jüdischen Einwohner bei ähnlichen Vorkommnissen dieselbe Rücksicht bei etwaigen religiösen Scrupeln ihrer christlichen Mitbürger würden walten lassen. (Jsr. Wochschr.) Oesterr. - Ungar. Monarchie. Lemberg. In Galizien existirt wohl der offizielle Antisemitismus nicht; aber daß viele Polen den Juden noch weniger leiden mögen als anderswo, ist eine bekannte Thatsache. Namentlich seit den letzten Landtagswahlen, wo die jüdischen Wähler nicht wenig zu der Niederlage der Herren beigetragen haben, wird der Judenhaß in Galizien ganz öffentlich gepredigt. Der Landes-Ausschuß projektirt eine Vermehrung der städtischen Landtags-Abgeordneten. Die polnischen klerikal-eonservativen Blätter wenden sich schon jetzt gegen dieses Projekt und erklären, daß die galizischen Städte schon jetzt unter jüdischer Herrschaft stehen. Die Vermehrung der Abgeordnetenzahl würde also auch bald den Landtag dem jüdischen Einflüsse ausliefern. Wie diese Behauptung ganz erlogen ist, „beweist der Unfftand, daß trotz des angeblichen jüdischen Einflusses in den Städten nur in Lemberg und Stry je ein jüdischer Abgeordnete gewählt wurde. Die übrigen jüdischen Landtags-Abgeordneten wurden von Handelskammern entsendet. Frankreich. Paris. Der Präsident der französischen Republik, Herr Carnot, hat den Vertreter Frankreichs am Hose des marrokanischen Sultans beauftragt, dahin zu wirken, daß der Sultan die Juden, diesen intelligentesten Theil der Bewohner seines Reiches, mit mehr Schonung und Rücksicht behandeln möge. Zu diesem Schritte hat sich der Präsident der französischen Republik durch eine Schilderung der Lage der Juden iu der Stadt Fez veranlaßt gefühlt, welche Schilderung er in einem französischen Blatte gelesen hat. In demselben wird Folgendes erzählt: „Die Lage der Juden in Fez ist thatsächlich eine schreckliche. Wie wilde Thiere sind sie von Sonnenuntergang bis Tagesanbruch in schmutzigen Judenvierteln eingesperrt. Vor den beiden Eiseuthoren desselben halten Soldaten Wache, und wehe dem armen Juden, dem es einfallen sollte, die Nacht außerhalb dieses Gefängnisses verbringen zu wollen; man wird ihn ohne Umstände aufknüpfen! Jeder Jude muß mit nackten Füßen einhergehen, als sichtbares Zeichen feiner verachteten Nationalität. Auch darf er kein Pferd besteigen, sonst trifft ihn die Todesstrafe. Nur das Reiten auf einem Maulesel ist ihm gestattet, jedoch muß er vor jedem türkischen Tempel aus dem Sattel steigen und mit der Stirne mehrmals die Erde berühren. Dasselbe muß der Jude thun, wenn er dem Sultan oder dem Pascha begegnet. Ferner ist es den Juden in Fez verboten, die Gassen des Judenviertels jemals zu reinigen. Alle drei Monate kommen Soldaten in das Judenviertel, um dies zu thun. Den Juden kostet der Besuch jedes Mal viel Geld und sie werden dabei regelmäßig von den Soldaten geprügelt. — Es bleibt abzuwarten, ob es dem Präsidenten Carnot gelingen wird, diesen tiefeingewurzelten Judenhaß der verwilderten Marokkaner einigermaßen zu mildern. Neuerdings wird aus Safft von den gröbsten Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Behörden berichtet. Ein Jude wurde von einem Mohamedaner, der ein Verwandter des Gouverneurs ist, auf gräßliche Weise mißhandelt. Nicht allein, daß dieser Mohamedaner nicht bestraft worden ist, wurde der Jude, weil er gewagt hatte, eine Klage vorzubringen, ins Gefängniß geworfen, dort mit Ketten gefesselt, die am Fußende glühend gemacht worden waren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.