Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1889)
- Date
- 1889-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1217 Schuld und Sütjne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Bis zum folgenden Tage gelang es der gewandten Frau Rosenfeld, ohne sich geradezu einer Unwahrheit schuldig zu machen, Leah den Hintritt ihrer Mutter zu verschweigen. Länger wollte sie sie jedoch nicht täuschen, da sie doch nicht erwarten konnte, daß ihre Nichte sich länger als bis zu der kommenden Woche von der Weiterreise werde zurückhalten lassen. In schonendster Weise theiltc sie ihr mit, was länger zu verschweigen nutzlos gewesen wäre. Leah's Schmerz um den Tod ihrer Mutter war aufrichtig und tief. Aber sie hatte in den jüngstverflossencn Monaten so unsäglich, so maßlos gelitten, daß das neue Unglück sie kaum mehr daniederdrücken konnte. Während der nächsten Tage blieb sie bei ihren Verwandten, die durch die liebevollste Aufmerksamkeit sie wieder aufzurichten sich bestrebten. Frau Rosenfeld hatte beabsichtigt, ihren Bruder schriftlich auf die Ankunft seiner Tochter vorzubereiten, Hermann ersuchte sie jedoch, dieses zu unterlassen. Er selbst wolle seine Cousine begleiten, und sie ihrem Vater wieder zuführen, den er zuvor mündlich vorbereiten werde. Eine Woche später traten sie die Reise an. XXVII. Die Reichstagswahlen standen bevor; seit Wochen herrschte in ganz Ungarn fieberhafte Aufregung. Agenten und Candidaten der verschiedenen Parteien durchstreiften das Land in allen Richtungen. Die Wahlcampagne in Ungarn vergeht selten, ohne daß es an dem einen oder dem andern Ort zu blutigen Zusammenstößen kommt, auch der rothe Hahn steigt hin und wieder in die Lüfte; die jüngsten Wahlen haben jedoch in mehrfacher Beziehung Ungewöhnliches geleistet, namentlich war dieses in jenen Gegenden der Fall, wo Candidaten der antisemitischen Parteien candidirten. Es liegt jedoch nicht in unserer Absicht, gegenwärtig die Ausschreitungen jener Partei eingehend zn besprechen, nur so weit es in den Rahmen dieser Erzählung sich drängt, mag es hier angedeutet sein. N... gehört zu jenen wenig bevorzugten Bezirken, in denen Räuberunwesen und Antisemitismus die schönsten Blüthen treiben. Schon seit vierzehn Tagen prangten auf zahlreichen Häusern der Stadt große wehende Fahnen, auf denen in großen, fetten Schriftzeichen der Name des antisemitischen Candidaten weithin leuchtete, der Ausruf eijen stand vor dem Namen. Unsere Glaubensgenossen in N... hatten bis vor kurzer Zeit im bestem Einvernehmen mit ihren christlichen Mitbürgern gelebt. Erst den Hetzereien der Agenten der antisemitischen Partei war es gelungen, den Samen der Zwietracht zu streuen zwischen Bürgern und Bürgern. Dennoch glaubte Niemand an das Bevorstehen ernster Excesse. Der Wahltag war gekommen. Daß es im Wahllokal selbst oder unmittelbar vor demselben zu Schlägereien, selbst zu blutigen Schlägereien kommen könne, daran war wohl kein Zweifel, dergleichen gehört bei den Wahlen nicht zu den Seltenheiten, für die Ruhe im übrigen Theil der Stadt glaubte man jedoch nicht fürchten zu müssen. Die Schule der israelitischen Gemeinde liegt nicht in der Gegend des Wahllokals; ohne Bedenken hatten daher die Eltern auch heute ihre Kinder dorthin geschickt. Vormittags wurden bis elf Uhr profane Gegenstände gelehrt, von elf bis zwölf Uhr war Religionsunterricht. Als Religionslehrer fungirte der dem freundlichen Leser bereits bekannte Löwenstein. Der ehemalige Schankpächter besaß nicht ungewöhnliche talmudische Kenntnisse: nachdem ihn das entsetzliche Unglück getroffen, suchte er eine Art Sühne darin, Kinder anderer Eltern dasjenige zu lehren, was sein eigenes Kind zu lehren er im Drange des Geschäftslebens verabsäumt hatte. Er hatte, wie gleichfalls bereits erwähnt, sich verpflichtet gefühlt, auf's Neue ein Haus zu gründen und die Sonne des Glücks leuchtete ihm wieder. Er hatte eine junge, brave, sanfte Frau gefunden, deren ganzes Streben darin bestand, den Schwergeprüften die Leiden der Vergangenheit vergessen zu machen. Vor wenigen Tagen war sie eines gesunden Knaben genesen. Die Gefühle zu schildern, die Löwensteins Brust erfüllten, als er zum ersten Mal wieder ein Kind in seinen Armen hielt, das vermöchte keine Feder. Der Religionsunterricht hatte begonnen, die Schüler übersetzten Pentateuch; der Lehrer übersetzte jeden Satz und suchte dann durch Fragen, die er