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Der Israelit · 1889-06-27 · Heft 51 (27.6.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 51 (27.6.1889)
Date
1889-06-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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871 den Schnurrbart markirt ist, ein schwermüthiger Zug erscheint, da kann man die Bosheit des deutschliberalen Abgeordneten im Wiener Reichsrath verstehen, der Herrn Türk das Schlimmste anthat, der seine arische Abstammung in Zweifel zu ziehen wagte. Da noch die antisemitische Bewegung in Berlin von mehr Radau begleitet war, als heute, kam es ja wohl auch vor, daß waschechte Antisemiten in den bösesten Verdacht gerietheu und in einer Antisemitenkneipe wurden zwei braunlockige Jünglinge schließlich von den eigenen Gesinnungsgenossen feierlich durchgeprügelt. Heute haben sich die Antisemitenkneipen vermindert, nirgends mehr ist der gastliche Spruch: „Juden 'raus" angebracht, kaum begegnet man mehr einem Zeitungsträger auf den Straßen, der den Kasten mit der bekannten Dühring'schen Aufschrift „Deutschlands Enijüdelung" umgeschnallt hat und die verlockendsten weißen Wände haben Ruhe vor den Witzen auf Kohn und Levi. Darum nicht erschlaffen, nicht erschlaffen, ruft Herr Türk, schüttelt, als wollte er die Versammlung beschwören, seine Rechte, wirft den Kopf zurück und spricht von seinem Mannesmuth und der Bedeutung dieses nationalen Muthes. „Und doch bin ich nur ein einfacher Mann und kein Gelehrter. Kein Gelehrter, meine Herren." „Bravo, bravo", braust es um ihn her, „wir auch nicht", hallt es .bekräftigend wieder. Der Gesichtsausdruck des Herrn Türk aber straft seine doppelt abgegebene Versicherung nicht Lügen. Es ist überhaupt erstaunlich, wie zwischen Beifall und Entrüstung tosend eine solche Berliner Antisemitenversammlung verläuft. Ich habe unter Slaven und Deutschen Versammlungen erlebt, zu Zeiten, in denen jeder Nerv der Anwesenden von nationaler Erregung zuckte, ich habe die Kampfplätze aufgesucht, auf denen wirthschaftliche Jnteressenfragen mit der schärfsten Erbitterung ausgefochten werden, aber nirgends fand ich, daß ein Redner ein mehr dankbares und ungeberdiges Publikum zugleich vor sich hätte, als die Berliner Antisemiten es sind. Minutenlanger Beifall, Johlen, Stampfen mit den Füßen, es wiederholt sich bei jeder oberflächlichen Anregung und laute Zwiegespräche anderseits unterbrechen den Redner. Liegt das an dem jugendlichen Charakter derer, welche die Versammlungslokale der Antisemiten füllen, der Studenten und jungen Kaufleute und der Söhne von Handwerksmeistern? Herr Türk, der so mannesmuthig die Bundestreue seines Vaterlandes gegenüber dem deutschen Reich im Wiener Reichsrath anzweifelte, scheut aber keinen Spektakel mehr. Er predigt in der deutschell Reichshauptstadt gegenüber dem christlich-sozialen | den ausschließlich Mtionalen Antisemitismus, der Pfeil sitzt, und eineSchlacht zwischen den Anhängern Böckels und Stöcker's beginnt. „Ehrenstöcker, Ehrenstöcker" dröhnt es aus dem Chorus, als Herr Türk davor warnt, Geistlichen, gleichviel ob evangelischer oder katholischer Confession, an die Spitze der antisemitischen Bewegung zu stelle», und auf die ironischen Zurufe „Ehrenstöcker" erwidert man von der Gegenpartei mit gleich starker Lungenkraft: „Quatschköppe! Quatschköppe!" Unter diesen zarten Begrüßungen wogt der Kampf eine geraume Weile hin und hier. Bei Buggenhagen siegten die Anhänger Böckel's und Türks. Wundarzt Türk preist seinen Freund und Führer, Herrn Georg Schönerer; abermals eine stürmische Unterbrechung: „Für uns bleibt er der Ritter Georg!" Herr Türk singt jetzt eine Hymne auf die Verdienste des Herrn von Schönerer in dem Kampfe gegen die jüdischen Professoren an der Wiener Universität, „Professoren, meine Herren, Mische Gelehrte gibt es bekanntlich nicht!" Erneuter tosender Beifall. „Nur Herrn v. Schönerer ist es zu verdanken, daß die gesummte deutsche akademische Jugend in Oesterreich ausnahmslos zu unseren Fahnen steht," sagt Herr Türk weiter, man erhebt sich von den Sitzen, man jauchzt, man schreit. „Daß es bei uns so wäre!" Die Beifallsraserei hat ihren Höhepunkt erreicht, Daß auch die Verdienste des „neuen Luther", des Herrn Stöcker, von den nurnationalen Antisemiten in dem lärmenden Trubel der Versammlungen so rücksichtslos preisgegeben werden, daß neue Apostel die alten verlästern, das ist der Humor in den heutigen Zusammenkünften des D. A. B., des Deutschen Antisemiten-Bundes. „Ehrenstöcker, Ehrenftöcker!" so gellten höhnisch die Zwischenrufe aus der Mitte des v. A. B. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien. In Baden hat sich ein fortschrittlicher Verein der Bürger constituirt, dessen Bestrebungen dahin gerichtet sind, gewissen unerquicklichen Zuständen im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, die den Interessen des Curorts Baden großen Schaden zuzufügen geeignet sind, in wirksamer Weise entgegenzutreten. In der stattgehabten constituirenden Versammlung dieses Vereins entwickelte Prof. Reiner von Reinöhl das Programm des Vereins. Redner bespricht das schädliche Wirken des Antisemitismus und das Treiben der Faiseure desselben und schloß mit den Worten: „Unser Programm ist einfach folgendes: Alles für das Volk und durch das Volk!" (Stürmischer Beifall). Baron Doblhoff begrüßte in herzlichen Worten die Bildung des neuen Vereins. Ein als Gast anwesender Herr,

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