Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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870 glaube hinzufügen zu dürfen: Rußland — nicht komplette Handwerkerschulen. Es genügt, wenn man ihnen allgemeine Bildung und soviel fachlichtheoretische Kenntnisse zukommen läßt, die zum besseren Auffassen und Verstehen ihres Faches dienlich sind, auch ermöglichen durch Lesen von Fachzeitschriften- und Büchern sich selbst zu vervollkommnen und mit dem industriellen Geiste der Zeit fortzuschreiten. Dazu würden vollkommen genügen Fachu. Fortbildungsschulen, die z. B. nach deutschem Muster — den israelit. — Gemeindeschulen angehängt werden könnten. Was noch im Lernen förderungswürdig wäre, ist, wenn man isr. Jünglinge in's Ausland schicken würde, um sie daselbst feinere Luxus-, Kunst- und Spezialhandwerke lernen zu lassen, die in Rumänien noch nicht vorhanden oder mit die verschiedenen Fabrikationen, Maschinentechnik, Ingenieur- und Architektenwesen, zu welchem sie im Lande nicht zugelassen werden, zu erlernen. Die Handwerke des täglichen Bedarfes sind reichlich vertreten. Was dann noch fehlt, das sind für Ausgelernte die Mittel zum S elb ft ständigmach e n, sowie für diejenigen, die schon seit lange Meister sind, Handwerksassoziationen, zum gemeinsamen und fabrikmäßigen Betrieb in den einzelnen Fächern. Wären zu diesen beiden Zwecken Fonds vorhanden, so würde dadurch viel mehr Gutes geschaffen und die Aneiferung viel rationeller bewirkt, als durch Schulen zu demselben Zweck. Denn einmal würde dem vorhandenen jungen Nachwuchs die Ausübung dessen, was er erlernt, ermöglicht; zweitens würde die Konkurrenz einer jetzt vorhandenen Unmenge von Einzelindividuen beseitigt; drittens würde bei dem Bestreben der Regierung eine fabriksmäßige Industrie im Lande zu schaffen, unsere Glaubensgenossen durch die Affoziation — dieser bedeutende Faktor im jetzigen Leben — in den Stand gesetzt werden, eine hervorragende, wenn nicht ausschlaggebende Stellung zu erlangen; viertens würden im fabriksmäßigen Assoziationswege die in großer Menge vorhandenen israelitischen Handwerker nach Außen hin sich weniger erkennbar machen und daher dem rumänischen Antisemitismus nach dieser Richtung hin die Spitze abbrechen. So, und nur so, hätte ein „Werk" bezw. eine Förderung des Triebes, das Handwerk als Lebensberuf zu erwählen, bei den Israeliten Rumäniens einen Sinn. Was davon ausführbar ist, will ich dahingestellt sein lasten. Betonen aber muß ich, daß das bloße Anbezw. Auslernen „gangbarer" Handwerke das zu Erstrebende nicht ist, daß Gemeinde-Fortbildungs- und Fachschulen leicht einzurichten und zur Erziehung fachlich gebildeter Handwerker hinreichend, daß eine Unterstützung zum Selbständigwerden in der Form einer Prämie bei der Meistererklärung und nach einer festgesetzten Anzahl von Jahren bewilligt werden könnte und daß schließlich die Assoziation solcher jungen Meister eines und desselben Faches durch passende Mittel gefördert werden könnte. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 20. Juni. „Der hat wohl den Lüttetüh". Mit einer wahren Stentorstimme wurde diese Berliner Redensart als Zwischenruf in der antisemitischen Volksversammlung in Buggenhagens Kaisersaal am Dienstag Abend vorgebracht. „Er hat den Lüttetüh", das ist gleichbedeutend mit den Redensarten : Er hat den Vogel oder er ist brustkrank im Kopfe. Der Mann, dem der Entrüftungsruf galt, ist der Führer der Deutschen in Böhmen, Dr. Schmeykal. Dieser „Judenknecht" schlimmster Art beging nämlich das Verbrechen, in einer offiziellen Anrede von deutschen Mitbürgern jüdischer Konfession zu sprechen. Er hat also ganz offenbar den Lüttetüh. Ein Sturm von Pfuirufen entstand, als der Wundarzt und Reichstagsabgeordnete aus dem deutschen Osten, Herr Türk, der jüngste Götze der antisemitischen Bewegung in der Reichshauptstadt der Sünde, Dr. Schmeykal's Erwähnung that. In einem Lieblinqscouplet des Wiener Komikers Matras lautete der Refrain: „Ein bißel aufwischen, ein bißel auffrischen, das wäre gar nicht schlecht." So suchte man denn auch in Berlin die stockende antisemitische Bewegung „ein bißel aufzufrischen", und ihr neuer Apostel ist Herr Türk aus Oesterreich oder, wie man in den Kreisen des nationalen Antisemitismus sagt, aus dem „deutschen Osten". Eine moderne Kassandra zieht Herr Türk von Stadttheil zu Stadttheil und weint und wehklagt über die Verjudung Oesterreichs, als furchtbar warnendes Beispiel für Deutschland. Herr Türk wehklagt wirklich. Er mag die grimmigsten Phrasen, ein Maral der Jndenbewegung, Vorbringen, sanft und im elegischen Tonfall verklingt feine Rede in weicher österreichischer Mundart, etwa als hätte ein Meßner für die arme Seele eines Dahingeschiedenen ein Vaterunser gebetet. Wenn Herr Türk auf der Rednertribüne steht, die Beine auseinandergefpreizt, so gar nicht deutsch und stramm und wenn auf seinem Gesicht, das von einem röthlich braunen Vollbart und einem melancholisch über der Oberlippe hängen-