Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447995--28711-2476408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
867 Die Trauerwoche war zu Ende. Löwenstein's Schwester und ihr Sohn wünschten, daß der nun gänzlich Vereinsamte dauernd bei ihnen seinen Wohnsitz nehme, er aber sehnte sich nach seiner Vaterstadt, die er vor mehr als zwanzig Jahren verlassen hatte. In jener Nacht, als der Kutscher des Major Orloffski ihn über die Grenze geführt, hatte er ihm, bevor er ihn verließ, im Namen seines Herrn ein Portefeuille übergeben, mit einer ziemlich ansehnlichen Summe, die die nächsten Bedürfnisse des Flüchtlings decken konnte. Als Darlehen, hatte der Major zartfühlend ihn wissen lassen. Löwenstein hatte das Geld dankend angenommen, hatte jedoch den treuen Iwan ersucht, in seine ehemalige Wohnung zu gehen. In einem Zimmer, das er! ihm näher beschrieb, unmittelbar hinter dem Ofen, war eine Diele locker und ließ sich leicht aufheben. Unter dieser Diele befanden sich in einer kleinen, feuersicheren Kasse die Ersparnisse des ehemaligen Schankpächters. Löwenstein übergab dem treuen Alten den Schlüssel zu der Kasse, und ersuchte ihn, sowohl die Kasse als den Schlüssel seinem Herrn zu überbringen und denselben in seinem Namen zu ersuchen, das Geld in sicherer, möglichst unauffällig unter der Adresse seiner Schwester abzusenden, nachdem er sich zurückbehalten, was er ihm als Darlehen übersandt hatte. Diese Angelegenheit war ohne Hinderniß erledigt worden. Löwenstein befand sich daher im Besitz einiger tausend Rubel, die es ihm ermöglichten, an jedem beliebigen Ort sich eine Existenz zu gründen. Er konnte daher dem Zuge seines Herzens folgen und in seine Hekmath zurückkehren. XVIII. Leah hatte sich allmählich erholt; sobald ihre Gesundheit es erlaubte, folgte Orloffski dem Rathe des erfahrenen Arztes und führte sie nach Italien, wo sie den Winter verbringen wollten. Nicht nur, daß die milde Luft des Südens die zarte Gesundheit der jungen Frau, die in so kurzer Zeit zwei schwere Krankheiten überstanden hatte, kräftigen und sichern sollte, sie sollte auch fort von dem Ort, an dem sie so schreckliches erlebt. Monate waren vergangen und noch zitterte der Schrecken in ihrem Innern. Wenn sie auch nur vom Fenster aus den nahen Forst erblickte, sah Orloffski sie oft erbleichen, die Gestalt des Selbstmörders trat vermnthlich vor ihr inneres Auge. Das durfte nicht lange so fortdauern, Zerstreuung war ihr dringend geboten. Orloffski zögerte daher nicht, noch vor Beginn des eigentlichen Winters befanden sich beide an dem Ufer des Lago Maggiore. Hier in der milden, sonnigen Luft, wo ihr alles neu war, nichts sie erinnerte an die Schrecknisse der Heimath, erholte die junge Frau sich rascher und bald waren sie im Stande, die längst beabsichtigte Tour durch Italien anzutreten. Leah war blühend wie nie zuvor, aber die Lebhaftigkeit ihres kindlich heitern Wesens war doch einigermaßen gedämpft; wenn sie sich allein wußte, überließ sie sich zuweilen gar einer Art von Schwermuth. In Orloffski's Gegenwart aber hatte sie stets ein Lächeln auf den Lippen. Daß dieses Lächeln häufig erzwungen war, konnte er leicht errathen. Doch er fragte nicht nach dem Grund ihrer zeitweiligen trüben Stimmung, sondern bemühte sich nur, iyr die mannigfachsten Zerstreuungen zu bieten, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß dieses das beste Mittel sei, ihre zeitweilige Schwermuth zu verscheuchen. Und diese Hoffnung trog ihn nicht. Ihr jugendlicher Frohsinn kehrte zurück und sie entzückte ihn durch ihren natürlichen Kunstsinn, durch das feine Verständniß, mit dem sie die seltenen Kunstschätze Italiens zu würdigen wußte. Er hätte das nie für möglich gehalten, da ihr ja die nothwendige Vorbildung fehlte. Doch mehr noch als alle Gegenstände der Kunst entzückte Leah die herrliche Natur des Südens, die grünenden duftenden Gärten, zu einer Zeit, zu der in ihrer Heimath alles in Schnee und Eis starrte. Und wie leicht und gewandt wußte die noch nicht achtzehnjährige junge Frau sich in der sogenannten Welt zu bewegen, in der er sie jetzt zum ersten Mal einsührte. In Rom hatten sie den' Grafen Paar und seine Gemahlin getroffen, und waren durch den lebhaften Verkehr mit diesen in einen größeren Kreis gezogen worden. Leah hielt sich jedoch am liebsten zu der jungen Gräfin Paar, die ihre Zuneigung in der ihr eigenen lebhaften Weise erwiederte. Sie wohnten in demselben Hotel, alle Ausflüge unternahmen sie gemeinschaftlich. Eines Tages, sie hatten einen Spaziergang nach dem nahen Marsfelde verabredet, Leah hatte ihre Toilette eben beendet, als es leicht an ihrer Thür klopfte und gleich darauf die Gräfin Paar zu ihr in das Zimmer trat.