Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1889)
- Date
- 1889-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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847 Literarischer Aericht. Frankfurter Israelitischer Volkskalender für das Jahr 5650 nebst Jüd. Hotel-Adreßbuch. Siebenter Jahrgang. Frankfurt a. M. 1889. I. Kauffmann. Preis 35 Pf. 81. In schmuckem, buntem Gewände kündet sich uns der Herold des nächsten Kalenderjahres an. Gar reichen Inhalt birgt er in seiner freundlichen Hülle; wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen. Der literarische Theil, an dessen Wiege Herr Dr. S u l z b a ch mit bewährter Feder wieder als Gevatter gestanden, bringt zunächst einen kurzen Artikel über „den Thronwechsel in Deutschland", eine Lebens- und Charakterskizze von Samson Raphael Hirsch (dessen Bild auch das Titelblatt schmückt) einen sehr lehrreichen und interessanten Aufsatz von Sulzbach über den „Thron des Königs Salomo", nicht minder interessante Erinnerungen aus dem Leben des jüdischen Majors Burg und den bekannten Midrasch über die treue Gattin in Sidon, zu dem die deutsche Geschichte später ein ähnliches Ereigniß in den „Weibern von Weinsberg" geliefert hat. Ganz prächtig ist schließlich eine kleine Ghettogeschichte von Sachor-Masoch „der Dalles des rothen Pfeffermann". Der Hauch der Judengasse, wie er uns aus allen Erzählungen des Verf. und besonders aus seinen neuesten „Contes juives“ so anheimelnd entgegenweht, wir verspüren ihn auch hier in diesem rührend naiven und doch so lebenswahren Geschichtchen vom „Dalles des rothen Pfeffermann." Weiß doch auch Sachor Masoch mit so bescheidenen Mitteln so farbenprächtig zu malen, weiß er doch, dem jüd. Familienfrohsinn, der jüd. Kindesseele ihre geheimnißvollsten Züge abzulauschen! „Der Dalles des rothen Pseffermann" — eine so einfache, „entsetzlich einfache" und doch so schöne Erzählung: wollen Sie das Geschichtchen erfahren, geschätzte Leserin? Frankfurter Israelitischer Volkskalender, Seite 154—164. Dazu kommt das eigentliche Kalendarium mit allen Fast- und Gedenktagen, einer Synagogenuhr, einen deutschen Kalender (leider nur für 1889), ein sehr ausführliches Hoteladreßbuch, welches indeß, wie wir nach der Lektüre desselben hinzuzufügen uns beeilen , für die religiöse Zuverlässigkeit aller Namen in keiner Weise Gewähr leistet und die Reisenden noch zu eigenen Recherchen veranlassen muß, und eine große Schaar von Inseraten. Der Kalender bedarf keiner Empfehlung, er ist ein unentbehrlicher Wegweiser durch das ganze Jahr, mögen nur freudige Ereignisse auf seinen Gedenktafeln zu verzeichnen sein. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Pfungstadt. Am Montag und Dienstag dieser Woche erschienen der Oberschulrath Sold an in Begleitung des Herrn Kreisschulinspectors und eines Realgymnasialprofessors im hiesigen Israel. Institute, um die einzelnen Klassen, besonders aber die obere einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Mit unermüdlichem Eifer ließen sich die Herren von Morgens 7 Uhr die Klassen in allen Lehrgegenständen vorführen und sprachen sich recht befriedigt über die Gesammtleistung der Anstalt aus. Dies ist ein Zeichen des fortgesetzten Wohlwollens, dessen sich die wackere Anstalt von Seiten der hohen Regierung zu Darmstadt stets zu erfreuen hat. Berlin, 16. Juni. Seit dem 10. Juni ist in Dr esden der in t er national e Thier sch utz- Congreß versammelt, um über die Beseitigung der mannigfachen Thierquälereten (Stiergefechte, Jagd, Pferderennen, Vogelschutz) zu berathen. Natürlich wurde auch des Schlichtens bei dieser Veranlassung gedacht, und der Referent Bering er- Berlin leistete sich nach einem Berichte des „Dresdner Anzeigers", den das hiesige conservativ-nattonalliberal-antisemitische „Deutsche Tagblatt" wörtlich abdruckt, u. a. die folgende Auslassung: Referent ist der Ansicht, daß die öffentliche Meinung, wenn aufgeklärt durch die Presse, die gesetzliche Reform des Schlachtwesens so laut verlangen würde, daß die Herren Volksvertreter einer neuen Petition der Thierschutzveine vielleicht dieselbe Beachtung schenken würden, wie den gegen die letzte Petition gerichteten Vorstellungen der israelitischen Gemeinden. Die Thierschutzvereine könnten die Abstellung der Thiermartern, die allein im deutschen Reiche täglich an ca. 100,000 Thieren beim Schlachten verübt werden, nicht von ihrem Programm streichen, weil etwa 5 Prozent aller Schlachthiere geschachtet werden. Redner glaubt, etwas näher auf diese Schlachtart eingehen zu sollen, weil gerade am Schächten die Bemühungen um eine gesetzliche Reform des Schlachtwesens zu scheitern drohen und weil von einer Seite das Schächten als ein besonders humanes Verfahren dargestellt worden sei. Daß jede gehässige Nebenabsicht ausgeschlossen sei, beweise schon der Umstand, daß unter den Mitgliedern der Thierschutzvereine viele Juden seien, welche gleichfalls im Schächten ohne Betäubung eine Thierquälerei erblicken, die im schroffen Gegensätze (!) zu dem Geiste des mosaischen Gesetzes steht. Von Sentimentalität könne hierbei keine Rede sein, da selbst abgehärtete Schlächter (!) das Schächten für eine Grausamkeit erklären. Wenn man die widerlichen Vorgänge bei solch' einem Schlachtakte sehe, glaube man gern jenen Rabbinern, welche versichern, daß das Schächten, so wie es bisher ausgeübt wird, nicht durch die mosaische Religion geboten sei. (!) Redner zeigt an einigen Stellen aus französischen Schriften, wie in Frankreich das Schächten verurtheilt wird. Er verliest die Stellen aus der Bibel, auf welche die späteren Rabbiner diese Schlachtmethode begründet. Sie sind dabei von den physiologischen Kenntnissen ihrer Zeit ausgegangen. Nach dem heutigen Stande der Wissen-