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Der Israelit · 1889-06-24 · Heft 50 (24.6.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 50 (24.6.1889)
Date
1889-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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846 kurz vor seinem Tode. Jeglichem Stamme übergab er ein Exemplar und ein Exemplar legte er in die heilige Lade zum Zeugniß, wie es heißt (5. B. M., 31,26): „Nehmet dieses Buch der Lehre und leget es der Lade des Bundes Gottes zur Seite; dort soll es wider dich zum Zeugen bleiben." minoro, das ist nämlich die Erläuterung der Thora, aber schrieb er nicht nieder, sondern gebot sie den Aeltesten, Josua, und dem ganzen übrigen Volke, wie es heißt (5. B. M., 13, 1); „Alles das, was ich euch gebiete, das erfüllet gewissenhaft; du darfst nichts hieran Hinzuthun und nichts davon Massen." Der große, jüngst verewigte Meister, Samson Raphael Hirsch b"w bemerkt zu dieser letzten Gesetzesstelle erläuternd: „In treuer, gewissenhafter Vollbringung Dessen, was Er dir geboten, zollst du allein die Huldigung, die Er von dir erwartet. Die Mizwoth, die Er dir geboten, und wie Er dir sie geboten, sind der Ausdruck seines Willens an dich und sagen dir, was Er von dir erwartet und was du zu thun hast, um dein Leben auf Erden seinem Wohlgefallen gemäß zu gestalten. Wie sie nicht die Eingebungen deines Beliebens, sondern das Diktat deines Gottes sind, so hast du auch nichts an ihnen zu modeln, hast nichts hinzuzufügen und nichts abzulassen. Mit jedem Mehr oder Minder sind sie aber das Diktat deines Gottes nicht mehr." Somit ist einer Reform, einer Umgestaltung des Judenthums jegliche Berechtigung entzogen. Es dürfte nicht unangemessen erscheinen, auch auf einige Stellen aus den Werken Mos es Mendelssohns hinzuweisen: „Diese Gesetze wurden geoffenbaret, d. i. von Gott durch Wort undSchrift bekannt gemacht, heißt es in Mendelssohns „Jerusalem". „Jedoch ist nur das Wesentlichste davon den Buchstaben anvertraut worden; und auch diese niedergeschriebenen Gesetze sind, ohne die ungeschriebenen, mündlich überlieferten und durch mündlichen, lebendigen Unterricht fortzupflanzenden Erläuterungen, Einschränkungen und näheren Bestimmungen, größtentheils unverständlich, oder müßten es mit der Zeit werden, weil alle Worte und Schriftzeichen kein Menschenalter hierdurch ihren Sinn unverändert behalten."- „Und noch jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rath ertheilt werden, als eben dieser. Schicket euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzet seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Traget beider Lasten, so gut ihr könnet. Man erschweret euch zwar von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens um der Religion willen, der ihr treu bleibt; und von der andern Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsgesetze, in mancher Betrachtung, lästiger als sie sind. Haltet nichts deftoweniger aus, steht unerschüttert auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und lasset Alles über euch ergehen, wie auch euer Gesetzgeber lange vorher verkündigt hat." — „In der That sehe ich nicht, wie Diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgend eine gewissenhafte Weise vom Gesetze entledigen können. Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenken, seinen Geist zu erforschen, hier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vermuthen, der vielleicht an Zeit und Ort und Umstände gebunden gewesen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umständen verändert werden, wenn es dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber zu erkennen zu geben, so laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als Er das Gesetz selbst gegeben hat. So lange dieses nicht geschieht, so lange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernüftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf." So hat auch Mendelssohn mit aller Entschiedenheit, die aus der gründlichsten Erwägung und der heiligsten Ueberzeugung stammt, eine jede Reform des Judenthums als eine Unmöglichkeit gekennzeichnet. An dieser Unmöglichkeit hat auch bis zu dieser Stunde ein jegliches Bestreben, das Judenthum einer Umgestaltung zu unterziehen, Schiffbruch gelitten , so daß man sich vergebens abgemüht hat, die seinerzeit mit so vielem Geräusch angekündigte Reformation durchzuführen. Wir haben das seltsame Schauspiel des Oeftern erlebt, daß gerade die Stimmführer der Reform in gegebenen Fällen, wenn es galt, offen den tief klaffenden Gegensatz innerhalb der Judenheit zu bekennen, das Vorhandensein eines solchen muthig ableugneten. Sie sahen sich zu diesem die Wirklichkeit negirenden Verhalten aus dem Grunde veranlaßt, weil trotz der seit sechs Dezennien in Deutschland währenden reformatorischen Bestrebungen die Berechtigung einer Umgestaltung sich ebensowenig hat Nachweisen lassen, wie es sich andererseits als eine Unmöglichkeit erwiesen hatte, ein Prinzip für die geplante Reform zu erfinden. (Fortsetzung folgt.)

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