Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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833 die geselligen Kreise der Erwachsenen. Sie führt zu früher Blasirtheit, verleitet zu anticipirten sinnlichen Genüssen und Ausschweifungen, die die geistige wie die körperliche Fortentwickelung schädigen." So weit wir hier nun einem der genialsten Irrenärzte gefolgt sind, dürfte kaum ein einziger Satz aus unsere jüdischen Verhältnisse als unzutreffend ausfallen können. Doch auch die Aeußerung desselben Autors in Bezug auf den hohen Werth der Religion und sittlichen Erziehung als Mitgabe auf die Wanderschaft durchs Leben soll besprochen werden; des Weiteren haben wir in detailirterer Form die Beziehungen des Schulhauses zum Elternhaus wie zum Gotteshaus zu erwägen, wie die jüdische Erziehung geeignet ist, Geist und Gemüth gegen die Unbilden des Lebens zu schützen und so dem schrecklichsten aller Uebel, der geistigen Erkrankung vorzubeugen. Dieses sei die Aufgabe des nächsten Kapitels. vr. Arthur Kahn. Zeitungsnachrichten und Correfporrderrzerr Deutschland. Berlin, 14. Juni. In Bochum haben sie an Pfingsten getagt, und als sie auseinandergingen, ist schwarze Nacht über die germanischen Gemüther hcreingebrochen. Von „etwa" 300 Personen war der Tag besucht, 10 Pfennige kostete das Eintrittsgeld, „etwa" 30 Mark und eine Resolution kamen heraus — eine etwas magere Ernte! Die Hitze war groß, sie haben in Bochum getagt, und nun schließen selbst die Berliner Theater! Der Regierungspräsident v. Rosen hatte zwar die große Volksversammlung verboten, man tröstete sich, keine Rosen ohne Dornen. Die ersten antisemitischen Böcke schoß Dr. Förster. Er wollte, zunächst für die Wahlen, dem „Kinde" (das sind die „reinen" Antisemiten) einen anderen Namen geben; dies Kind, kein Engel ist so rein! „Antisemitisch" höre sich zu semitisch an, „deutsch-sozial" wollen wir heißen. Und welch' niedlicher Wunschzettel ist da in Bochum geoffcnbart worden! Derselbe, welchen der Portier des Reichskanzlers schon einmal zum Heizen verbraucht hatte. Untersuchung der rabbinischen Literatur durch eine wissenschaftliche Behörde (vielleicht erhält Justus-Brimann zu diesem Zweck von seinem Zuchthaus, falls 'er noch sitzt, Urlaub), Fremdenrecht, die Juden sollen keine Lehrer, Richter, Rechtsanwälte sein; jüdische Aerzte dürfen nur Juden behandeln, wehe dem Semiten, der ein Mitglied des Deutschen Antisemitenbundes von der Geisteszerrüttung heilt; der jüd. Eid wird wieder eingeführt, die „Urgermanen" schwören, wie einstens im Teutoburgerwalde. bei Odin und Freya. Juden dürfen nie Geschworene sein, Juden sollen Ehrenämter nicht bekleiden dürfen, offenbar, um den Antisemiten, welche ja sonst recht wenig Ehre besitzen, auch etwas Ehrenhaftes zu gönnen. Juden haben weder aktives noch passives Wahlrecht; der Ausdruck „auserwähltes Volk" wird auf den Index gesetzt, kein Semit schreibe „gewähltes" Deutsch! Die Juden sind vom Heeresdienste ausgeschlossen und zahlen dafür eine Kopfsteuer; die Frechheit der Juden, sich für das Vaterland todtschießen zu laffen, überstieg aber auch alle Grenzen, dann gibt es ja keine Semiten mehr, und wo bleiben dann die Antisemiten und die 10 Pfennig Entröe? Die Kopfsteuer wird von Jungdeutschland in Branntwein vertilgt. Das Schächten wird ausgehoben; was will dann aber die deutsch-soziale Partei mit all' den „ungeschlachten" Ochsen anfangen? Die Nächstenliebe darf doch nicht allzu weit gehen! Das war der Tragikomödie erster Theil; jetzt kam der zweite. Wer ist denn eigentlich Jude, und zu welchem Taufgrade soll er verbrannt werden? Hier gingen die Ansichten der Versammlung und schließlich jeder Einzelne auseinander. Böckel will irgend so ein Erkennungszeichen, und wenn es auch nur ein gelber Flecken wäre, denn: „Der getaufte Jude ist zehnmal schlimmer als der orthodoxe Jude." Dr. König schlägt 3 Generationen vor, wo semitisches Blut nach der Taufe reif werde, stch mit dem Blute der „deutsch-sozialen" Partei zu vermischen. „Es werden Massentaufcn kommen!" warnt man. „Die Furcht vor Massenübertritte sei hinfällig" bewirkt Bileam-G Ücker, „denn die Juden hätten in sehr bedrängten Verhältnissen früherer Zeiten niemals sich zu Taufen entschlossen." Der Skandal beginnt, jetzt beginnt es zu „tagen". Förster ruft: „Wollen Sie denn Radau-Antisemiten bleiben?" Man beschließt, daran zu glauben, daß die „Judenfrage nicht blos eine Raffen- und Religionssrage, sondern eine Frage internationalen und nationalen, sozialpolitischen und sittlichreligiösen Charakters ist." Als nun gar der neue Name „Antisemitische deutsch-soziale Partei" mit 110 gegen 72 Stimmen („etwa" 300 Mitglieder waren erschienen) angenommen wird, verlassen Böckel, Zimmermann, sowie die Vertreten der Reformvereine von Dresden, Kassel, Berlin unter Protest den Saal, „große Bewegung" herrscht in der Versammlung („etwa" 110) nach