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Der Israelit · 1889-06-20 · Heft 49 (20.6.1889) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 49 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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832 in der modernen Gesellschaft kund, die „zu viel Nerven aber zu wenig Nerv" hat. Jene bildet die wichtigste Prädisposition nicht blos zum Irresein, sondern zu allen möglichen Neurosen. Sie ist theils erworben durch verkehrte Lebensweise des Individuums, theils angeboren durch die sch ä dliche Lebensweise, welcher die Ascendenz sich schuldig macht. Da sind es also wieder die Sünden der Väter, die an den Kindern sich rächen, ja sie sind es in der größten Zahl der Fälle, denn die Sünden der sogenannten „Erziehung" werden meist zur Strafvollziehung an die kommenden Geschlechter bis zu deren vollständigem Erlöschen.^) Hier stehen wir nun am Ausgangspunkt unserer Beobachtung, mit der wir wieder zu beginnen haben. Ueber den Einfluß der Erziehung auf geistige Erkrankung sagt v. Ebing Folgendes:* * * 4 5) „Nächst seiner Hirnorganisation verdankt der Mensch der Art und Weise der Erziehung die Eigenart seiner physischen Existenz. Zuweilen wirken Organisation und Erziehung in der Hervorrufung psychopathischer Dispofition (d. h. Anlage zu Geisteskrankheit) zusammen, insofern Eltern nicht blos auf dem Wege der Zeugung eine unglückliche, organische Construktion vererben, sondern auch, auf Grund dieser mit krankhaften Leidenschaften, sittlichen Fehlern und Excentricitäten behaftet, durch böses Beispiel, fehlerhafte Erziehung — ihre Excentricitäten und sittlichen Gebrechen auf die Kinder übertragen." „So können die Bedingungen für Hysterie, Hypochondrie und Trunksucht entstehen. Fragen wir uns, nach welchen Richtungen speziell die Erziehungsfehler Prädispositionen (angeboren oder erworbene Empfänglichkeit) zum Irresein schaffen können, so ist in erster Linie anzuführen: a. Eine allzustrengeBehandlung des äußerst inpressionablen, kindlichen Gemüths, das so sehr empfindungsreich und liebebedürftig ist. Hereditär belastet heißt soviel als Krankheiten, die einer Familie oder einzelnen Gliedern eigen sind, wieder geerbt zu haben oder die Neigung des Organismus zu diesem Familienleiden. Krankheiten, die sich am häufigsten vererben, sind die Lungenschwindsucht, „Scrophulose," Nervenleiden, Irrsinn. Wenn wir ganze Stammbäume von einer dieser „Erbschaften" durchseucht finden, so liegt auch die Wahrscheinlichkeit des völligen Untergangs solcher Familien auf der Hand. Hier vermag die Prophylaxis (Vorbeugungsmittel) immerhin noch, die Gefahren zu verringern, wenn auch selten zu beseitigen. 4) Der Franzose Morel berechnete, daß gewöhnlich die vierte Generation auch die letzte in einer hereditär belasteten Familie sei; mit der vierten Generation tritt gewöhnlich das Erlöschen der Familie ein. 5) v. Krafft-Ebing, Handbnch der Psychiatrie x. 180 Bd. I. Waltet hier Härte, ja selbst Rohheit vor, so wird nicht nurdie Entwickelung gemächlicher Beziehungen im Keime zerstört, sondern zugleich der Grund zu schmerzlichen Beziehungen zur Außenwelt bis zum Taedium vitae (Lebensüberdruß) zu verschlossenen, leutscheuen Character gelegt. d. Eine allzu nachsichtige Erziehung, die nichts zu versagen und Alles zu entschuldigen weiß — und damit Eigensinn, ungezügelten Leidenschaften und Affekten, mangelnder Selbstbeherrschung und Entsagung Vorschub leistet. Aus Muttersöhnchen wird selten etwas Tüchtiges. Das soziale Leben fordert Selbstbeherrschung, Unterordnung unter die Majorität, (bis zum gewissen Grade.) Widerstandskraft wider die Stürme des Lebens, Resignation. Wo diese Eigenschaften fehlen, bleiben Enttäuschungen, Bitterkeiten, peinliche Affekte nicht erspart. Zuweilen gleicht später die reiche Schule des Lebens den Erziehungsdefekt aus und bildet den Charakter, aber es geht nicht dann ohne mächtige Erschütterungen ab, die für das psychische Gleichgewicht Vieler verhängnißvoll werden. 8. Allzufrühe Weckung und Anstrengung der intellektuellen Kräfte auf Kosten der Ausbildung des Gem üthes, der kindlichen Unbefangenheit und körperlichen Gesundheit. Diese Ursache macht sich doppelt da geltend, wo glänzende, allerdings oft einseitige Begabung wie sie gerade bei neuropathischen, erblich veranlagten Kindern vorkommt, die Eitelkeit der Eltern und Vormünder herausfordert und zur Anspannung der geistigen Kräfte des Wunderkinds verleitet. Nur selten wird aus solchen frühreifen, glänzend begabten Kindern etwas Ordentliches, wenn man sie als Treibhauspflanze behandelt. Im besten Falle entwickeln sie sich einseitig und werden „Partielle Genie's" mit schwächlichem Körper; nicht selten bleiben sie aber plötzlich, namentlich in der Pubertät, in ihrer Entwickelung stehen und schreiten nicht mehr vorwärts. Im Allgemeinen muß die Erziehung der Kinder der höheren Klassen vielfach als eine verfehlte bezeichnet werden. Allzufrüh tritt oft schon der Kampf ums Dasein in Gestalt exorbitanter Forderungen der Schule an das Kind heran, die dann auf Kosten des Schlafs und der körperlichen Ausbildung erfüllt werden müssen. Auf diesem Wege kann eine neuropathische (zu Nervenkrankheiten geneigte) Constitution erworben und dadurch der Grund zum späteren Irresein gelegt werden. Nicht minder bedenklich ist die allzufrühe Hereinziehung der Kinder in

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