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Der Israelit · 1889-06-12 · Heft 46-47 (12.6.1889) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 46-47 (12.6.1889)
Date
1889-06-12
Page
– (sequence 22)
Language
German
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810 schlägt. Wer sich nicht zu dieser Höhe emporschwingen kann, ist ein Miethling und die Früchte seiner Erziehung und seines Unterrichts sind zum mindesten zweifelhaft. Sehr oft müssen die Schüler es büßen, daß ihr Lehrer nicht die gehoffte Befriedigung gefunden. Die böse Laune packt ihn mitunter, und seine Schule wird zum Tummelplatz der bösen Geister; nichts wird ihm recht gemacht. Je mehr er schilt, desto schlechter geht es. Die Kinder werden verblüfft und stieren den Lehrer an, als ob er ihnen ein Fremder sei. Sind die Unterrichtsstunden vorüber, dann sind beide Theile körperlich und geistig ermattet, und der Gewinn solcher Stunden steht in keinem Verhältniß zu der übermäßigen Anstrengung. Einem solchen Lehrer möchte man die Worte Hoffmanns von Fallersleben zu rufen: Mag noch so viel der Lehrer wissen, Sobald er barsch ist, launisch verbissen, So mag er andern Beruf sich wählen, Als Kinder zu lehren, um sie ju quälen. Wer aber aus Liebe und mit Liebe zum Unterricht geht, dessen bemächtigt sich eine Freudigkeit, die ihm aus den Augen leuchtet, das Herz der Kinder erwärmt und es empfänglich macht für seine Lehren, dem ergeht es wie dem Manne, von dem der edle Sailer folgenden Ausspruch mittheilte: Wen ich's sonst nicht wüßte, wie Seele auf Seele so schnell, so stark wirkt, wie unsere Mißstimmung andere verstimmt, so würde ich das in meiner Schule lernen, wenn ich so recht froh in dieselbe komme, so sind meine Kinder Engel, und alles geht herrlich. Tritt der Lehrer mit einen! Herzen voll Wärme, Liebe und Freudigkeit vor seine Klaffe, dann findet er auch unschwer den rechten Ton im Unterricht, er braucht nicht nach künstlichen Mitteln zu suchen, um das Interesse der Schüler zu erregen und zu erhalten. Lebendig strömt die Lehre von seinen Lippen, würdevoll steht er da, aus jedem Laut, aus jeder Bewegung ersehen die Kinder, hier ist nichts Gekünsteltes, kein gemeines Tagewerk. Dem Manne, der vor ihnen steht, ist es heiliger Ernst, er will und erstrebt das Beste der Schüler, er paart Ernst mit Freundlichkeit, um die Trägheit zurück zu dämpfen und dem Eifer und guten Willen neue Kraft zu verleihen. Unzertrennlich mit der Berufsliebe oder vielmehr deren weiterer Grundlage ist aber die Liebe zu den Schülern, wie Victorin von Feltre sagt: In der Liebe zu den Schülern liegt die Würde, die Freude und das Göttliche der Lehrerwirksamkeit. Wie der Gärtner das Bäumchen, das er veredlen will, hegt und pflegt, sein Wesen, seine ihm eigenthümlichen Triebe und Kräfte zu ergründen sucht, damit er die Schößlinge an der rechten Stelle ansetze, so wird auch der Lehrer mit dem Kinde verfahren, das ihm ein liebes, treues Gut ist. Er wird sich in sein Innerstes versenken, sein Fühlen und Denken, kurz sein ganzes Wesen zu erforschen suchen, um ja nicht verkehrte oder falsche Wege zu betreten. Dann kommt er aber auch nicht dazu, den für die Pädagogik so wichtigen Grundsatz der Individualität aus dem Auge zu verlieren, und werden sich ihm aus der Beobachtung der Kindesnatur Momente ergeben, die ihm ungeahnte Gesichtspunkte eröffnen und dadurch zum Suchen der rechten Wege bei seinem Werke hindrängen. Bon großem Nutzen wird es ihm dabei sein, dem Kinde außerhalb der Unterrichtszeit nahe zu treten, es im Verkehr mit seinen Mitschülern zu beobachten und sich ihm selbst, z. B. im Spiele, zwanglos hinzugeben. Wenn jeder Bann von ihm genommen, dann gibt das Kind sich seiner wahren Natur nach hin und kehrt alsdann alle Licht- und Schattenseiten seines Wesens hervor. Hat der Lehrer die Individualität seiner Schüler ergründet, dann wird er jeden mit dem rechten Maße beurtheilen, an den Unbefähigten nicht gleiche Anforderungen wie an den Befähigten stellen, aber auch rasch erkennen, inwieweit Trägheit und böser Wille seinen Bemühungen einen Hemmschuh a,'legen. Er wird erkennen, daß so manches Kind sich redlich Mühe gibt, den Lehrer zufrieden zu stellen, es ihm aber wegen der mangelnden Anlage nicht gelingen will. Alsdann muß der Wille für die That genommen werden, und die gleiche, wenn nicht größere Liebe muß einem solchen Kinde zu Theil werden. Diese Liebe hat jedoch oftmals harte Kämpfe mit der Geduld und Selbstbeherrschung des Lehres auszufcchtcu. Hingegen gibt es wiederum Kinder, denen sowohl Anlage als Fleiß abgehen. Ein solches Kind könnte manchen Lehrer, der seine gewissenhafte Arbeit nicht vom gewünschten Erfolge begleitet sieht, zur Verzweiflung bringen. Und gerade hier ist Liebe vonnöthen, eine solche Liebe, die auch des Kindes Zuneigung zu erringen weiß, so daß es schon darum sein Möglichstes thut, um nicht das Mißfallen des Lehrers zn erregen. Das verkehrteste Mittel wäre aber, das Kind auf dem selbst gewählten Wege gehen zu lassen, oder ihm durch wiederholte Titulationen, als Dummkopf und Faulpelz, den Glauben an seine Unfähigkeit und Trägheit gleichsam einzupflanzen. Vermag jedoch der Lehrer durch seine Persönlichkeit seinen Zögling aus seiner Lethargie herauszureißen, dann hat er seiner Aufgabe voll und ganz genügt.

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