Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 46-47 (12.6.1889)
- Date
- 1889-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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793 Reservatio mentalis als &otte§ ®ebot gelehrt werden können. — Ist nicht das Gebot der Sabbatheiligung eins dieser Zehngebote? Und wie muß der jüdische „Geistliche", der den Ansichten, den „Ueberzeugnngen" seiner Gemeinde, aufrichtig entsprochen, den Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens Rechnung tragen will, wie muß er dieses Gebot mit Vorbehalten ausstatten, welch' künstlichen Manipulationen mit „Wenn" und „Aber", „Freilich" und „Jedoch" muß er es unterwerfen, bis er dieses Gebot, das nicht weniger als den Still-stand unseres ganzen arbeitenden und geschäftlichen Lebens von uns für die 24 Sabbatstunden fordert, bis er es zu den Paar Stunden Tempelandacht mit obligater Predigt und Choralgesang herunterbringt!-Denn, daß Gott, den ihr doch am Schabuothfeste als den Geber der Zehngebote preist, daß Gott das Sabbatgebot und zwar eben in dem Untersagen jeglichen Werks, etwa weniger ernst als die übrigen Gebote gemeint, das könnt ihr doch im Ernst nicht meinen und auch eure Katechumenen im Ernst nicht glauben. Ihr könnt, bei aller Unkunde des heiligen Textes, die ihr bei ihnen großziehet, ihnen ja doch einmal den Einblick in eine übersetzte Bibel nicht hindern. Und mit höchster diesseitiger und jenseitiger Strafe, mit Steinigungstod und Extermination lesen sie in ihrer Bibel die Entweihung des Sabbats bedroht, und von allen anderen Todesstrafen finden sie nur zwei im Pentateuch angeführt — den Sabbatschänder und Gotteslästerer, — und was hatte der arme Sabbatschänder gethan? War er zur Predigt ausgeblieben? Hatte er eine falsche Note im Chor gesungen? Hatte er gegen die „Synagogenordnung" verstoßen? Nein! Er hatte ein Paar Reiser auf dem Felde aufgelesen!! Das steht auch in der Thora, auf deren Göttlichkeit ihr eure Jugend „konfirmirt". — (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Ratibor, 10. Juni. (Telegramm.) Herr Rabb.- Canditat vr. Adolph Blumenthal aus Berlin ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde erwählt worden. Paderborn. Dem neunundzwanzigsten Jahresbericht über die israelitische Waisen-Erziehungs- Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland zu Paderborn entnehmen wir: Einer der treuesten Freunde und aufrichtigsten Förderer unserer Anstalt, Herr Sanitätsrath Dr. Bamberger in Berlin, ist zu unserem tiefen Schmerze aus dem Leben geschieden. Seine Anhänglichkeit an die Anstalt, seine Liebe und Fürsorge für die Waisen, die er während eines gesegneten Lebens so oft bethätigt, krönte er durch eine Stiftung von Mark Zwanzigtausend, welche nach dem Tode seiner Gattin, Gott möge sie noch viele Jahre in ungetrübter Gesundheit erhalten — dem Waisenhause zufallen soll, Sechzig Zöglinge befanden sich im verflossenen Jahre in der Anstalt. Neu ausgenommen wurden acht, entlassen zwölf Zöglinge, zehn Knaben und zwei Mädchen. Zwei der ersteren lernen ein Handwerk. Dem Streben unserer Zeit, das Handwerk unter unseren Glaubensgenossen zu fördern, bringen wir völliges Verständniß entgegen und werden wir auch in Zukunft den Sinn unserer Knaben dem Handwerk und den ihm verwandten Berufszweigen zuzuwenden suchen. Der gedeihliche Bestand und die ruhige Fortentwickelung unserer Anstalt beruhen nicht zum geringsten in seinen genügenden sanitären Verhältniffen. Wir haben in dieser Hinsicht im vergangenen Jahre manches zu bessern gesucht, manche Neueinrichtung getroffen. Hierher gehört die Anlage einer Wafserleitung, welche uns ein ausgezeichnetes Waffer zusührt, während das unseres eigenen Brunnens trotz öfterer und kostspieliger Reinigung geradezu gesundheitsgefährlich war. Am 15. Juni feierte Herr Moritz Meyersberg und Frau Ernestine Meyersberg, geb. Plaut, in Hamburg, umgeben von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Wir fühlten uns gedrungen, an diesem Ehrentage Theil zu nehmen, weil Herr Moritz Meyersberg, früher wohnhaft zu Paderborn, zu den ersten Mitbegründern unserer Anstalt gehört hat und seit der Stiftung unseres Hauses am 1. März 1856 bis zur Verlegung seines Wohnsitzes nach Hamburg, Vorsitzender unseres Kuratoriums war. Herr Referendar Ernst Fleck aus Paderborn übernahm es, den innigen Glückwünschen unserer Waisen für das edle Jubelpaar, das stets in der Ferne der Anstalt das freundlichste Interesse bewahrt, Ausdruck zu geben und überreichte dem würdigen Jubilar, Herrn Meyersberg, das Diplom als immerwährendes Ehrenmitglied des Curatoriums. Unsere Waisen wurden an diesem Tage von Seiten des Herrn Meyersberg mit dem gütigen Geschenke von Mark Fünfhundert bedacht. Aus Bochum. Zu der bevorstehenden Reichstagswahl beabsichtigen die National-Liberalen mit den Antisemiten ein Bündniß zu schließen und denStaatsanwaltHerrn