Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 46-47 (12.6.1889)
- Date
- 1889-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447991--28626-2476319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
790 baoth, Er ist der König der Ehre, Selah. — Diesmal öffneten sich die Thore, und die heilige Lade konnte an die geweihte Stelle verbracht werden. — Das Wort Zebaoth wird gewöhnlich mit „Heerschaaren" übersetzt; diese Übersetzung ist nicht ganz zutreffend; das Wort bedeutet vielmehr die Gesammtheit der Geschöpfe Gottes, den Inbegriff aller geistigen und physischen Kräfte, die Gesammtheit aller körperlichen und geistigen Wesen. Nicht deßhalb heißt Gott der König der Ehre, weil Er der Mächtigste ist, der Held des Krieges, der Allbezwinger, sondern weil die Gesammtheit der Welten Sein Werk, Sein Eigenthum ist. Da, wie wir bereits oben hervorgehoben haben, das ganze Judenthum in der Lehre vom einzigen Gott, dem Schöpfer des Weltalls, wurzelt, so kann die Entfaltung des höchsten Menschenthums nur darin bestehen, daß wir den König der Ehre so ehren, wie es Ihm geziemt. Im Judenthume ist nur das gut und edel, was Gott zu thun geboten hat, uud verabscheuungswürdig nur das, was Gottes Verbot als solches kennzeichnet. Die ganze Sittenlehre des Judenthums beruht auf diesem Gedanken. Man kann nicht irgend ein Gebot oder Verbot loslösen und sagen, das eine oder das andere sei mehr- oder minderwerthig. Die Gebote, die wir verstehen und begreifen wie die Elternehre, die Nächstenliebe, die Redlichkeit in Handel uud Wandel sind nicht mehr- und nicht mtnderwichtig als die Vorschriften in Bezug auf Reinheit und Unreinheit, in Bezug auf die verbotenen Speisen oder die Feier der Sabbate und Festtage. Gott zu ehren ist unseres Lebens Ausgabe, und unsere erste Pflicht ist, allen Geschöpfen gegenüber uns so zu benehmen, wie Gott es geboten, verboten oder gestattet hat. Der Thiere sollen wir uns erbarmen; aber wir dürfen manche von ihnen schlachten und ihr Fleisch verzehren, jedoch nur unter Beobachtung der göttlichen Vorschriften. Die Pflanzen sind zu unserem Gebrauche da; aber wir dürfen gewisse Arten derselben nicht vermengen; so müssen wir bei jedem Dinge stets im Auge haben, daß es ein Geschöpf Gottes ist, und daß wir Ihn ehren, wenn wir es nur so verwenden, wie Er es gestattet hat. Die höchste Ehre, die wahrhafte Ehre entspringt für uns daraus, daß wir in allen Dingen, in Menschen, Thieren, Pflanzen rc. erkennen und anerkennen, daß sie Geschöpfe Gottes sind und daß wir dementsprechend unser Verhalten ihnen gegenüber einrichten. Nicht der ist wahrhaft geehrt, vor welchem die Menschen sich tief verneigen, sondern der, dessen innerer Werth die höchste Anerkennung verdient. „Wer ist geehrt?" Derjenige, welcher die Geschöpfe ehrt, die Geschöpfe Gottes, der in jedem Dinge erkennt und anerkennt, daß es aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen. — Denn so heißt es: „Denn die Mich ehren, werde Ich ehren, und die Mich verachten, werden zu Schanden werden." Der hier angeführte Vers bezieht sich auf die Söhne des Hohenpriesters Eli, welche die Opfer, die sie darzubringen hatten, mißachteten und dabei nicht nach Vorschrift verfuhren. Da erschien ein Bote des Ewigen dem Eli und sprach: „Fürwahr, so spricht der Ewige, der Gott Israels: Ich hatte gedacht, dein Haus und das Haus deines Vaters sollten wandeln vor Mir in Ewigkeit, nun aber, spricht der Ewige, sei das fern von Mir, denn die Mich ehren, werde Ich ehren, und die Mich verachten, werden zu Schanden werden." — Das Vergehen der Söhne Eli's, die mit den Opfern nicht nach Vorschrift verfuhren, mag Vielen gering erscheinen. Aber gerade in Bezug auf diese Opfergaben zeigt sich die Ehrerbietung, die wir den Dingen nach Gottes Geheiß schuldig sind. Da ist ein Stier; er ist nicht anders als die meisten Stiere; es spricht jedoch der Besitzer die Worte nt nn „Dieser da sei ein Ganzopfer", und sofort ist der Stier heilig, darf zu keiner Arbeit mehr gebraucht werden. Der bloße Ausspruch eines ganz gewöhnlichen Menschen hat den Stier hoch über vie andern Stiere emporgehoben. So leicht und einfach diese Veränderung vorgegangen, so schwerwiegend ist die Thatsache in Bezug auf die Ehrerbietung gegen Gott, der es so befohlen hat. Wenn wir unseren Pflichten den Geschöpfen Gottes gegenüber so Nachkommen, wie Gott es befohlen hat, dann erlangen wir die höchste Ehre, die Ehre, die uns einzig ehrwürdig macht, und wenn die Menschen uns die Anerkennung versagen sollten, so wird Gott uns zu ehren wissen. So lehren auch unsere Weisen (Bereschith Rabba, Paraschah 39): Rabbi Jirmijah sagte: Der Heilige, gelobt sei Er, achtet mehr auf die Ehre des Frommen als auf die eigene Ehre. In Bezug auf Ihn heißt es: Denn die Mich ehren, werde Ich ehren, und die Mich verachten, werden zu Schanden werden, vp d’Tin ’*t, durch Andere; in Bezug auf den Frommen aber heißt es (1. B. M., Cap. 12): Und Ich werde segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, dem werde Ich fluchen, njx, Ich selbst. — Wer von der Ehrerbietung gegen Gott so durchdrungen ist, daß er die Geschöpfe Gottes ehrt, indem er so verfährt, wie Gottes heiliges Gebot es erfordert, der ehrt sich selbst; sein ganzes Leben gestaltet sich zu einem ehrenvollen, und auch die äußere Anerkennung wird nicht ausbleiben. (Fortsetzung folgt.)