Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1889)
- Date
- 1889-05-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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739 „Die Freiheit", erwiderte Orloffski, gleichfalls flüsternd und nun tief erschüttert durch den Anblick des Mannes, der in den verflossenen drei Monden um eben so viele Jahrzehnte gealtert schien. „Rasch, Freund, erheben Sie sich und nehmen Sie diesen Mantel und drücken Sie diese Pelzkappe tief in die Stirn, mein Iwan wartet draußen in der Nähe mit einem Schlitten, er wird Sie über die Grenze bringen zu einem Ihrer Glaubensgenossen, wohin er im Laufe des Nachmittags Ihre Frau gebracht hat, die dort auf sie wartet." „Und mein Kind?" flüsterte Löwenstein, „meine Tochter? —" „Sie ist in den besten Händen, die mit liebevollster Sorgfalt sie verpflegen." „Wo? — wo? — ist sie auch bereits drüben jenseits der Grenze?" Der Major schüttelte den Kopf. „Sie werden sich erinnern, daß Ihre Tochter verwundet worden ist." „Ich habe es gesehen", entgegnete der Gefangene, noch in der Erinnerung schaudernd. „Ist sie noch nicht geheilt?" „Sie ist auf dem Wege der Besserung, vollständig geheilt ist sie noch nicht. Aber ihr Zustand flößt Gottlob keinerlei Bedenken ein. Doch darf sie das Zimmer noch nicht verlassen und wird überhaupt im Laufe der rauhern Jahreszeit keine Reise unternehmen." Ein tiefer schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust des Gefangenen. „Wo ist sie? — bei wem? —" Einen Moment zögerte Orloffski, dann aber sprach er rasch: „Sie ist auf meinem Gute, die Frau meines Verwalters pflegt sie wie eine Mutter. — Ich fand sie in jener Schreckensnacht blutüberströmt auf der Landstraße, ich trug sie in mein Haus und übergab sie der Pflege der Frau Karawelawska." Löwenstein ergriff die Hand des Majors und drückte sie heftig. „Dank! Dank! — innigen Dank; — Aber warum haben Sie meine Tochter nicht zu meiner Frau gebracht?" Der Major zuckte die Achseln. „Anfangs habe ich Ihre Tochter nicht erkannt, später hörte ich, daß auch Ihre Frau schwer erkrankt daniedergelegen, und da hielt ich es für besser, Ihr Kind der ausgezeichneten Pflege der Frau Karawelawska zu überlassen." Löwenstein athmete tief auf, seine Lippen bebten. „Ich errathe, was Sie beunruhigt," fuhr Orloffski fort, „Sie fürchten, Ihr Kind könnte in meinem Hause unerlaubte Speisen genießen. Doch auch in dieser Beziehung können Sie vollständig unbesorgt sein. Ich habe aus der Fabrik des Dr. Papilski Fleisch-Extrakt und Conserven der verschiedensten Art kommen lassen. Aus diesen bereitet Frau Karawelawska in Gegenwart Ihrer Tochter deren Mahlzeiten; und ich verspreche Ihnen, daß dieses immer so geschehen wird, bis Ihre Tochter vollständig genesen und der Arzt in der milderen Jahreszeit ihr das Reisen gestatten wird. Dann aber führe persönlich ich sie Ihnen zu. Sind Sie einverstanden?" Die Augen des Gefangenen hatten sich mit Thränen gefüllt. „Wie kann ich Ihnen danken!" stammelte er. „Das können Sie sehr leicht", erwiderte Orloffski lächelnd. „Ich hatte einen schweren Kampf mit Ihrer Tochter, sie wollte durchaus zu Ihnen. Doch bei diesem Wetter und überhaupt in dieser Jahreszeit, es hätte ihr Tod sein können — ihre Ungeduld, Sie zu sehen, verzögert überhaupt ihre Genesung. Wenn Sie Ihr einen Gruß schreiben und sie auffordern würden, sich geduldig den Anordnungen des Arztes zu fügen und den meinen — da würde sie sicherlich ruhiger werden und ihre Ruhe könnte ihre vollständige Heilung beschleunigen." Er hatte bei diesen Worten ein Portefeuille und ein Crayon hervorgezogen und es dem Gefangenen gereicht, der mit zitternder Hand einige Zeilen auf ein Blatt desselben schrieb und es dann dem Major reichte, der nun zur Eile drängte. „Kommen Sie, kommen Sie! es ist die höchste Zeit." Er selbst half dem zitternden Manne in den Mantel, den er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sich einhüllen, dann nahm er seinen Arm und lautlosen Schrittes folgten beide dem Kerkermeister, der die Thür geöffnet und die Laterne geschlossen hatte. Der kundige Führer geleitete sie sicher aus dem Hause des Schreckens, dessen Thüre sich lautlos hinter ihnen schloß. Dann begab er sich zurück in die verlassene Zelle des Flüchtlings. Mit scharfer Feile durchsägte er die eisernen Stäbe des Gitters, die das Entkommen des hier Eingeschlossenen auf diesem Wege unmöglich machen sollten, dann befestigte er unterhalb des Fensters einen Strick und ließ diesen hinaus aus der Fensteröffnung hängen, es so wahrscheinlich machend, daß der Gefangene auf diesem Wege entflohen. Orloffski hatte inzwischen den noch immer bebenden Flüchtling zu dem Schlitten geführt, der ihn über die Grenze bringen sollte. Nochmals und abermals drückte Löwenstein seinem Befreier die Hand und dankte ihm unter Thränen, was er an