Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1889)
- Date
- 1889-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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738 Die französische „Italic" schreibt wieder, es sei Pflicht, dem edlen Charakter des Verstorbenen (au noble earaetere) eine aufrichtige Huldigung darzubringen. Auch die großen Provinzblätter widmen, wie Telegramme melden, dem edlen Hingeschiedenen Worte der Anerkennung und des tiefsten Bedauerns. Heute, Mittwoch, 4 Uhr Nachmittags hat das Leichenbegängniß ftattgefunden und wurde ein solches jüdisches Vegräbniß fast noch nie in Rom gesehen. Der von vier Pferden gezogene Leichenwagen der Chewrah-Kadischa war über und über mit Kränzen bedeckt. Solche hatten niedergelegt: Die Stadt Rom, der Bürgermeister Marchese Guiccioli, der Provinzialrath, die jüd. Gemeinde, das Rabbiner-Collegium, das jüd. Spital, die Feuerassecuranz, das Versatzamt, die Banca Romana, die Banca Nazionale rc. Unter den anwesenden Trauergästen bemerkte man, den Finanzminister Seismit- Doda, den Bürgermeister, den Unterpräfecten Gaita (der Prüftet ist krank), den Senator Moleschott, zahlreiche Parlaments-Deputirte, den Präses des Cultusvorftandes Cav. Esdra, Prof. Ehrenreich vom Rabbiner-Collegium 2c. Zwei Abtheilungen Polizei hielten die Ordnung in den Straßen aufrecht. Der Zug wurde eröffnet durch eine Abtheilung der Stadtwache in voller Parade. Hierauf folgten die Bediensteten und dann die Beamten des Versatzamtes, der Feuerassecuranz, der Banca Romana, der Banca Nazionale, des Provinzialrathes, des Municipiums 2c. Die Zipfel des Bahrtuches trugen: der Bürgermeister, der Unterpräfect, der Cultusvorsteher Esdra, Prof. Ehrenreich, Handelskammerrath Simonetti, Commendatore Ponte von der Banca Romana, Commendatore Tanlongo von der Banca Nazionale und noch mehrere andere distinguirte Persönlichkeiten. Die Menge staute sich in den Straßen und alle Fenster, an denen der Zug vorüberging war mit Neugierigen besetzt. Beim Passiren des Leichenwagens entplöste Alles, (darunter auch viele katholische Geistliche und Mönche) ehrfurchtsvoll das Haupt. Am offenen Grabe widmeten dann der Präses des Cultusvorftandes, Cav. Esdra und Prof. Ehrenreich dem Heimgegangenen warme Worte des Nachrufes. Nebst der „Italic", dem „Popolo Romano", der „Riforma", dem „Fanfulla" re. hatte auch das Leiborgan des Papstes, der „Osservatore Romano", einen Beächterstatter zum Leichenbegängnisse entsendet. .pv'n -iiöjh ntyto nnuo Tun nnuo »nn Amerika. New - Uork. Der Telegraph meldet aus New-Iork, daß Salomon Hirsch zum amerikanischen Gesandten in Konstantinopel ernannt wurde. Es dürfte zweifellos sehr interessiren, Einiges über die i Persönlichkeit dieses Gesandten zu erfahren. Herr- Hirsch, der Sohn armer jüdischer Eltern, kam als ibjähriger Knabe aus Württemberg nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas, wo er nun seit 35 Jahren lebte. Er arbeitete sich hier allmählich unter großen Mühen und Entbehrunngen immer weiter empor, erwarb sich ein bedeutendes Vermögen und wurde im Jahre 1861 Chef eines Großhandlungshauses. Während dieser Zeit verstand es Herr Hirsch, sich das Vertrauen und die Liebe seiner Mitbürger in hohem Maße zu gewinnen, so daß er, zu hohen Stellungen im Staate berufen, wiederholt in den Senat gewählt wurde, dessen Präsident er auch einmal war. Herr Hirsch, der heute im 51. Jahre steht, befindet sich gegenwärtig zur Kur in Karlsbad und wird er nach Beendigung der Kur seinen Posten in der türkischen Hauptstadt antreten. F e ti ille ton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Unhörbar hatte sich die Thüre in ihren Angeln gedreht — aber sie war geöffnet worden, er wußte es genau; an dem frischen Luftzug, der durch seine Zelle streift, hatte er es erkannt. Was war das? — weshalb drang man im Finstern zu ihm? — wollte man ihn heimlich morden? — Sein Herz pochte laut, doch er empfand keine Furcht, der Tod hatte seine Schrecken für ihn verloren. Jetzt vernahm er abermals ein leises Geräusch, die Thüre war geschlossen worden und dann plötzlich, wie mit Zaubermacht ward es hell und den erstaunten Blicken des Gefangenen zeigten sich zwei Männergestalten in der Nähe der Thüre. Die eine war der Kerkermeister. Er hatte eine Blendlaterne in der Hand, die er soeben auseinandergeschlagen. Und die andere — Löwenstein wollte laut aufschreien als er den Mann erkannte, aber dieser hatte mit zwei Fingern die Lippen berührt und ihm Schweigen bedeutet; dann kam er lautlosen Schrittes dicht zu ihm hinan und reichte ihm die Hand, die der Gefangene krampfhaft drückte. Was wollte der Mann von ihm, der ihn in nächtlicher Stunde heimlich im Kerker aufsuchte? — sein Herz pochte laut. „Herr Major!" stammelte er flüsternd, „was bringen Sie mir?"