Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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724 Es war Nacht. Heulend umbrauste der Novembersturm das freistehende Gefangenenhaus, dessen Mauern so vielen Jammer, so viel Elend bargen. Zähneklappernd lag der bleiche Mann dort in der Ecke auf der Streu, und lauschte dem Heulen des Windes, bald erschien es ihm wie das Jammergeschrei der Gepeinigten, das er so oft hier vernommen, bald glaubte er das Wehklagen derer zu vernehmen, die um die Gepeinigten klagten. Und hin und wieder zwischen all diesen unheimlichen Tönen hindurch, glaubte er ein frisches, silberhelles Lachen zu vernehmen — es drang bis in das Innerste seines Herzens und sein Herz wurde warm, denn die liebliche Gestalt seines Kindes trat vor sein inneres Auge. Wie war sie so hold, so rein — und wie so echt hatte sie sich im Vorjahre im Hause ihrer Tante bewährt! — Ein glückliches Lächeln umspielte die farblosen Lippen des Gefangenen. — Freilich, Hermann hatte manches an ihr getadelt — und er selbst hatte dem Tadel des jungen Mannes eine gewisse Berechtigung zuerkennen müssen. — Er hatte ja daraufhin beschlossen, sie zu unterrichten; nur seine Inhaftnahme war dazwischen gekommen. Und jetzt — wer würde sich seines Kindes annehmen? — und seiner kränkelnden Frau? — wenn sie nur nach Deutschland gehen würden zu seiner Schwester, sie würde sich sicherlich der Verlassenen annehmen, und Hermann, trotz seiner Jugend, konnte ihnen eine Stütze sein. — Wenn er sie nur darauf aufmerksam machen, oder wenn er Hermann von der Verlassenheit ihrer Lage benachrichtigen könnte, der Wackere würde sicherlich herbeieilen und sie in seine Heimath geleiten. Aber bisher war ihm jeglicher Verkehr mit der Außenwelt unmöglich gewesen, er hatte Keinem Kunde von sich geben können. Doch hatte er oft gehört, daß die Untersuchungshaft weit strenger als die Haft nach erfolgter Verurtheilung gehandhabt wird, darum sehnte er seine Verurtheilung herbei, weil er dann doch wenigstens hoffen konnte, den Seinen Nachricht und Rath ertheilen zu können. So grübelte er in der finstern Nacht, bis der Schlaf die müden Augen ihm schloß. Und der Traum, der freundliche Tröster der Unglücklichen führte ihn zurück in den trauten Kreis der Seinen, er sah sein wackeres Weib wieder heiter schalten an seiner Seite und Leah's ftöhliches Geplauder glaubte er zu vernehmen. Aus dem nahen Kirchthurm schlug es zwölf, die Mitteruachtftunde war gekommen. Löwenstein hatte die dumpfen Schläge, die das Heulen des Windes übertönten, nicht vernommen, er schlummerte ruhig weiter. Doch plötzlich fuhr er empor, blickte mit weitaufgerissenen Augen um sich in der Finsterniß seiner Zelle. Es war kein lautes Geräusch, das ihn erweckt, doch es war ihm nah. Mit angehaltenem Athem lauschte er, die Finsterniß und die Einsamkeit hatten seine Sinne geschärft, er hätte darauf schwören mögen, daß er draußen auf dem Gange ein Flüstern vernommen — oder hatte er sich doch vielleicht getäuscht? — war es doch vielleicht der Wind, der durch irgend eine zerbrochene Fensterscheibe sein Spiel da draußen trieb? — Doch horch! jetzt hatte er's deutlich vernommen, der schwere Riegel vor seiner Thür ward zurückgeschoben und jetzt ward leise, wie es schien, mit großer Vorsicht, der Schlüssel in das Loch gesteckt und nmgedreht — er hatte es deutlich vernommen. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und DorrrrersttagS, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Duchhaudel;tt beziehe« bet E. F. Strinackrr, Leipzig, Doßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusenbung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Die Sprüche der Väter. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: 2mal Berlin. — Schweiz: Bern. — Oest.-Ungar. Monarchie: Men. Aus Ungarn. Redeiz Zips. — Türkei: Konstantinopel. — Palästina: Jerusalem. — Feuilleton: Schuld und Sühne. — Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Amerikanische Briefe. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland : Berlin. — Oest.-Ung. Monarchie: 2mal Wien. — Bulgarien: Sofia. — Holland: Amsterdam. — Frankreich: 2mal Paris. — England: 2mal London. — Feuilleton: Kunstkäse. — Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hosbuchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu eine Beilage. i