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Der Israelit · 1889-05-23 · Heft 41 (23.5.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 41 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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723 Feuilleton. Schuld und Süßne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) XII. Nahezu drei Monate waren verstrichen, seit Löwenstein sich im Kerker befand. Der vor Kurzem noch kräftig blühende Mann war siech und welk geworden. Das Unglück, das ihn getroffen, war allzugroß. Schuldlos, ahnungslos plötzlich herausgerissen zu werden aus dem glücklichsten Familienkreis — und dann im Kerker schmachten zu müssen. — Und zu dem die qualvollste Angst um Weib und Kind t Er hatte seine Frau zusammenbrechen sehen, noch bevor sie die ganze Größe ihres Elends kannte. — Und sein Kind, sein holdes Kind! — Einer jener rohen Schergen hatte sie niedergestreckt, blutüberströmt war sie vor seinen Augen zu Boden gestürzt. War sie dem furchtbaren Schlage erlegen? — und wenn nicht, was war aus ihr geworden? — Oft fühlte er sich dem Wahnsinne nahe, wenn er alle die möglichen Schrecknisse, die ihr zugestoßen sein konnten, in Erwägung zog. Zwar, daß sie lebte, glaubte er mit Bestimmtheit annehmen zu können. In den ersten Tagen seines Aufenthaltes im Kerker, hatte er seine Zelle mit mehreren Verbrechern theilen müssen, nach einigen Wochen jedoch war er in Einzelhaft gebracht worden. Seine jetzige Zelle war allerdings noch feuchter und dunkler als die vorige, dennoch gewährte sie ihm eine Art Erleichterung, da er nun doch nicht mehr jene wüsten, rohen Redensarten seiner Zellengenossen hören mußte. Wenige Tage nachher hatte er in dem schweren, schwarzen Brode, das ihm als Nahrung gereicht wurde, einen Pergamentstreifen gefunden, auf dem in hebräischer Currentschrift ihm die Freiheit angeboten wurde, wenn er seine Tochter dem reichsten Manne der Gegend Zusagen würde, dessen Einfluß es unfehlbar gelingen werde, seine Befreiung zu erwirken. Wolle er darauf eingehen, so möge er denselben Wärter, durch dessen Vermittelung er den Zettel erhalten werde, um Schreibrequisiten ersuchen. Werde ihm dieser dieselben sofort übergeben, so möge er ihm schriftlich seine Zustimmung zur Verbindung seiner Tochter mit dem Herrn Nathan Jsakowitsch übergeben und getrost das Weitere abwarten. Furchtbare Erregung bemächtigte sich des Unglücklichen. Was sollte er thun? — Sollte er sein Kind einem Manne vermählen, der die heiligsten Gebote Gottes mißachtete, der den Sabbat entweihte, weder die Speisegesetze, noch irgendwelche speziell jüdische Vorschriften beachtete und dafür die Freiheit erwerben? — oder sollte er jenen Antrag zum zweiten Mal verwerfen und dafür im Kerker verschmachten? — Denn so wenig er im Stande war es zu beweisen, so fest hielt er sich jetzt davon überzeugt, daß jener abgewiesene Bewerber der Urheber all seines Unglücks war; daß derselbe zwar nicht persönlich, wohl aber durch die dritte oder vierte Hand jene geschmuggelten Maaren in sein Haus habe transportiren lassen, um dann durch die Hoffnung auf Befreiung seine Einwilligung zu erringen. Und einem solchen Menschen sollte er seine Tochter vermählen? — Nein, nein, nein! und abermals nein! Und sollte er auf jenem faulenden Stroh bis an's Ende seines Lebens verschmachten, oder sollte er in den Bergwerken Sibiriens verkommen, alles besser als sein Kind an der Seite eines Gesetzeslosen zu wissen, in steter Angst, sie der unablässigen Versuchung zum Abfall erliegen zu sehen. Als nach einigen Stunden der Wärter zu ungewohnter Zeit wieder in seiner Zelle erschien, sich dort, wo er nichts zu suchen hatte, zu schaffen machte und wiederholt bedeutsam auf den Gefangenen blickte, da erkannte dieser, daß er in der That unter der erwähnten Bedingung auf Befreiung hoffen durfte. Die Freiheit winkte ihm. Und enger noch erschien ihm seine Zelle, unerträglicher die feuchtkalte, nach Moder dunstende Luft — schon öffnete er die Lippen, um jene Worte auszusprechen, die ihm den Weg zur Freiheit bahnen sollten — aber mit Gewalt preßte er die Lippen wieder zusammen. Nein! nein! nein! — Das Heil seines Kindes galt ihm höher, ungleich höher als sein eigenes. Der Wärter sah ein, daß er vergebens gewartet; noch mürrischer als sonst entfernte er sich wieder und schleuderte die Thür in's Schloß. Löwenstein hörte, wie er den schweren Riegel vorschob uud eine grauenvolle Verwünschung gegen den Häftling ausstieß, dessen Verstocktheit ihn um eine hohe Belohnung zu bringen drohte. Noch zwei Mal ward Löwenstein auf demselben Wege und unter derselben Bedingung die Freiheit in Aussicht gestellt — aber er blieb fest. Sein Prozeß neigte sich zu Ende; er wußte, daß er seine Verurtheilung zu gewärtigen hatte. Tag und Nacht flehte er zu Gott, daß Er seiner Frau und seiner Tochter beistehen möge und ihm Kraft verleihen möge, sein herbes Geschick standhaft zu ertragen.

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