Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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720 und Religionsschulen einzutreten versprechen. Da aber zu diesen Vorkämpfern die Häupter der jetzigen Bewegung naturgemäß gehören, so dürsten wohl einige dieser Herren als Sieger aus der Urne hervorgehen, zumal wenn, wie wir hören, in den verschiedenen Stadttheilen Wahltische aufgestellt werden. Die Seele des Ganzen ist der schon wiederholt genannte Fabrikant Weinberg. Der Herr, welchen wir Dienstag Abend zum ersten Male hörten, verfügt über ein nicht unbedeutendes Volksrednertalent; er versteht', in gedrungenen Worten seine Zuhörer — wir zählten deren etwa 100 — für seine Sache zu gewinnen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat sich bisher den Petenten gegenüber einer überaus bemerkenswerthen Zuvorkommenheit befleißigt, während die Repräsentantenversammlung, wie wir aus bitteren Klagen herauszuhören glaubten, sich kühler verhält. Sie hat von der ersten Petition einfach Kenntniß genommen und sie zu den Akten gelegt und dann es entschieden abgelehnt, Vertreter zu den Mitgliederversammlungen zu entsenden. „Erringen wir jetzt nicht den Sieg und gelingt es uns nicht, bei den nächsten Wahlen zu sühnen, was ein Menschenalter gefehlt, dann ist unsere Sache für immer verloren!" — so rief der Leiter der Bewegung Dienstag aus, und wir glauben allerdings, daß bei der unnahbaren Position der jetzigen Gemeindevertretung und der unübertrefflichen Gleichgiltigkeit der meisten Mitglieder der hiesigen Gemeinde die Bewegung, abgesehen vielleicht von einigen Repräsentantenmandaten, keine nennenswerthe dauernden Erfolge erringen wird. Ein indirektes erfreuliches Resultat ist allerdings der Beschluß des Vorstandes, in einigen größeren Lokalen Berlins an den hohen Festtagen Gottesdienst abzuhalten. Bl. Berlin, 17. Mai. Das jüngst erschienene „Statistische Jahrbuch des D. I. G. B. für 1889", welche sich bereits zu einem stattlichen Bande entfaltet hat, enthält u. a. auch eine interessante Zusammenstellung aller Vereinigungen innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands. So bestehen nach dem Jahrbuche in Deutschland 3 Rabbinerseminare, 8 Lehrerbildungsanstalten, 8 jüdische Real- und höhere Schulen, 10 jüdische Alterversorgungsanstalten, 20 jüdische Kranken- und Siechenhäuser, 25 jüdische Waisen- und Erziehungshäuser und 30 Vereine zur Beförderung des Handwerks unter den Juden. — Das offizielle, am Freitag Abend in einer „nichtpolitischen" Rede abgelegte Bekenntniß des Herrn Stöcker, daß er vorläufig auf j e d e politische Thätigkeit verzichten müsse, wird noch immer in der Presse lebhaft besprochen. Ganz wie wir es vorausgesagt hatten, kommt es. Die „reinen Antisemiten" halten jetzt in jeder Woche mehrere Skandalversammlungen ab. Doch die Vorstellungen theilen, trotzdem die besten Hetzkräste engagirt sind und das Eintrittsgeld von 20 Pf. ein wirklich billiges zu nennen ist, das Schicksal aller Lustspielhäuser: die Zuschauer fehlen! — Die Religtonsschule der israel. Synagogengemeinde hat eine Jugendbibliothek von weit über 100 Bänden eingerichtet, in der alle Erzählungen aus der jüd. Vergangenheit und Gegenwart, Lebensbilder berühmter Männer des Judenthums, Beschreibungen jüdischer Reisender, kurz, alles vertreten ist, was das Kindesgemüth anzuregen geeignet scheint, und einen Tropfen Begeisterung in das Herz der Jugend vielleicht zu senken vermag. Die Errichtung ähnlicher Bibliotheken sei allen jüdischen Gemeinden — und die Kosten sind nicht sehr bedeutend — dringend empfohlen. — Zur Abwechslung hat sich hier wieder einmal ein neuer Verein gebildet, diesmal ein „Verband ehemal igerSchülerundSchülrinnen der Religionsschule der isr. Synagogengemeinde Adaß-Jisroel". Der Verein, der zu seinen Mitgliedern hiesige Aerzte, Juristen, Theologen und Inhaber hiesiger renommirter Firmen zählt, und dessen Statuten in diesen Tagen die Genehmigung des Polizeipräsidiums erhalten haben, verfolgt die gewiß vortreffliche Tendenz, durch religiös-wissenschaftliche Vorträge in geselligen Zusammenkünften das jüdische Wissen und den religiösen Geist seiner männlichen und weiblichen Mitglieder zu erhalten und zu pflegen. Der Verein zählt bereits gegen 150 Mitglieder. Den ersten Vortrag hielt der Verbandsvorsitzende Herr Dr. Deutschländer, den zweiten der Unterzeichnete. Bl. Schweiz. Bern. Unter dem Titel „Schweizerische Unduldsamkeit" wird dem „New-Jork-Herald" vom 25. April geschrieben: „Die Schweiz, welche auf der Höhe der Wissenschaft, der Künste und der Industrie zu stehen beansprucht und deren Verfassung absolute, persönliche und religiöse Freiheit proklamirt, hat ein Dekret erlassen, welches den Juden verbietet, das Schlachtvieh ihren religiösen Gesetzen gemäß zu schlachten und das jede Uebertretung dieses höchst ungerechten und sonderbaren Gesetzes mit Geld und Gefängnißstrafen belegt. Die Juden sind somit gezwungen, sich entweder des Fleischgenusses zu enthalten oder zu genießen, was ihre Religion verbietet. „Es ist durch die größten Gelehrten — wie Virchow, Du-Bois-Raymond und viele andere, —