Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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um's Wort, um vom Platze aus zu sprechen. Es entstand eine große Unrnhe und Redner mußte sich bequemen, die Rednerbühne zu betreten, um von dort aus zu sprechen. Nachdem er seinen Dank für die Einladung zu der heutigen Versammlung ausgesprochen, der beizuwohnen ihm besondere Freude (?) bereitet habe, betonte er, daß er durch den Vortrag des Herrn Wesch bitter enttäuscht worden sei, was ihm natürlich geglaubt wurde. Derselbe hat sachliche Gründe gegen die antisemitische Bewegung nicht vorgebracht, sondern nur Phrasen und sei vom Hundertsten in's Tausendste gesprungen. Dr. König versuchte nun eine Wiederlegung der Ausführungen des Herrn Dr. Wesch. Der Antisemitenhäuptling behauptete, daß nur der Jude den Handwerker und Arbeiter auspresse, bis er nichts mehr habe, wobei ihm aber aus der Versammlung öfters zugerufen wurde, daß auch Nichtjuden dies thäten. Bemerkenswerth war die Aeußerung des antisemitischen Agitators, daß sich die westphälischen Antisemiten von dem Hofprediger Stöcker nicht kommandiren oder an der Nase herumsühren ließen. Nachdem er seine „mit vielen Worten und wenig Sinn" gesprochene Rede geendet hatte, nahm Herr Wesch abermals das Wort und widerlegte unter stürmischen, großen, anhaltendem Beifall die Rede von König. So sprach Dr. Wesch noch eine Stunde lang. Unter großem Tumult suchte der Judenhetzer noch einmal zu Wort zu kommen, und als ihm dies gelungen, sprach er kaum 5 Minuten, um unerwartet mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland zu enden, um dann mit seinem ganzen Anhänge unter Absingung des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles" geräuschvoll den Saal zu verlassen. Hohngelächter erscholl von den Socialdemokraten ob dieser Scene. Es entstand noch ein großer Tumult und der Häuptling der Antisemiten wurde von allen Seiten auf der Straße von dem herbeiströmenden Publikum mit Pfeifen und Schimpfen empfangen. Die Socialdemokraten schlossen, indem der Tumult zu stark wurde, Nachts 12l/2 Uhr die Versammlung und ernteten von allen besseren und einsichtsvolleren Anwesenden großen Beifall. A. Stern, Lehrer. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 8. Mai. Die Agitation der „vereinigten Christen" treibt immer ärgere Blüthen. Dieser Troß der Reaction nimmt nunmehr auch gegen katholische Geistliche Stellung, wenn dieselben sich nicht dem clerilalen Heerbann anschließen. Das hat gestern P. Michael Hersan, Rector des Piaristen-Collegiums und Pfarrverweser bei Maria Treu in der Josephstadt, erfahren müssen, P. Hersan wurde bekanntlich gestern bei der Bezirksausschußwahl in der Josephstadt gewählt, und daß er als liberaler Candidat aufgetreten war, hat ihm den Zorn der „vereinigten Christen" des Bezirkes zugezogen, welche denn auch eine Demonstration gegen den sonst allgemein geachteten und beliebten Mann in Scene setzten. Bald nachdem das Wahlresultat bekannt geworden war, zog eine Horde von Antisemiten in die Piaristengasse. Dieselben machten vor dem Piaristengebäude Halt und stimmten ein ohrenzerreißendes Lärmen und Johlen an. Dann wurden die Rufe lautet: „Nieder mit dem Judenpfaffen! Das ist eine Judenkirche!" Auch andere Rufe waren zu hören, die man schicklicherweise nicht wiedergeben kann. Eine zeitlang dauerte dieses Lärmen fort, bis die Polizei einschritt und die Ruhestörer auseinandertrieb. Es scheint, daß die vereinigten Scandalmacher auch die Fenster der Wohnung des P. Hersan mit Steinwürfen zu tractiren vorhatten; einige der lautesten Schreier erkundigten sich wenigstens in der Umgebung angelegentlich nach der Lage dieser Fenster. Diese Bursche waren allem Anscheine nach gedungen worden, um auf diese Weise zu zeigen, j wessen sich ein gebildeter und unabhängiger katholischer Priester von den „vereinigten Christen" zu versehen hat. A b y s s i n i e u. Massauah. Der Negus, König Johannes, ist tobt I So lautet die Hiobspost, die aus dem Innern Abyssiniens kommt und an deren Richtigkeit man gar nicht mehr zu zweifeln braucht, da sie von mehreren Seiten zugleich gemeldet wird. So ist nun wieder ein angeblicher Sprosse aus dem Hause David (in ri'ch in die Gruft hinabgestiegen und an dessen Stelle wird voraussichtlich Menelik, König von Schoa, der sich gleichfalls rühmt, ein Abkömmling des genannten Königshauses zu sein, den Thron Ethiopiens besteigen. Es ist dies eine besondere Eigenthümlichkeit bei einigen Völkern und Dynastien des Orients, daß obgleich sie das Judenthum und die Juden hassen, sie sich dennoch mit ihrer angeblichen Abstammung vom Gefchlechte Jakobs brüsten. So behaupten die Afghanen noch heute, daß sie von den zehn Stämmen und ihre über sie jetzt herrschende Dynastie vom Könige Saul herkomme, und nennen sie sich daher voll Stolz „Bene-i-Jsrael" während sie den Nanien Afghanen, den die Perser ihnen gegeben, mit Entrüstung zurückweisen. Die Könige Abyssiniens schämen sich gar nicht, ihre Abstammung als eine illegitime zu bezeichnen, um sie nur auf König Salomo zurückleiten zu können. Nach der abyssinischen Geschichte soll nämlich die Königin von Saba eine längere Zeit in der