Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang. BrllllgeM^Z9de8„IsrllM"L„Irschurun". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Weftphalen. Die „Rheinisch-Westph.- Zeitung" berichtet von Dortmund aus Folgendes: Dortmund, 7. Mai. Von socialdemokratischer Seite war im Siwers'schen Lokale am Steinplatz gestern Abend eine öffentliche Volksversammlung veranstaltet, zu welcher der bekannte Crefelder Sozialdemokrat, Herr W e s ch, als Redner verschrieben war. Das Thema lautete: „Die Socialdemokratie und die Anschauungen der Antisemiten", ein Thema, das von vornherein erwarten ließ, daß die Versammlung zahlreich besucht werden würde, umsomehr, da bekannt geworden, daß zu derselben auch der bekannte antisemitische Agitator Dr. König- Witten eingeladen war. Bemerkt sei, daß letzterer der Einladung Folge gegeben und mit seinem ganzen hiesigen Anhang erschienen war; die Antisemiten hatten die linke Seite des Saales in geschlossener Weise in Beschlag genommen. Als Vorsitzender wurde der Cigarrenarbeiter Herr Ficker mann gewählt, der sofort Herrn Wesch das Wort erhellte. Letzterer hielt nur eine zweistündige Rede, die in der Hauptsache darauf hinauslief, Stimmung für die socialdemokratische Partei zu machen, in welcher er auch anderseits sich gegen die Antisemiten wandte. Wenn man in Arbeiterkreisen glaube, die antisemitische Agitation sei darauf gerichtet, die Lage der Arbeiter zu verbessern, so sei dies keineswegs der Fall und aus diesem Grunde habe die Socialdemokratie ein Interesse daran, die antisemitische Frage zu diskutiren. Am Niederrhein kenne man eine derartige Frage nicht; dagegen sei in Ostpreußen und Weftphalen die antisemitische Agitation eine ganz gewaltige, er habe aber keineswegs die Absicht, die Juden zu vertheidigen, denn das würden dieselben selbst können, sondern er habe das Thema aus dem Grunde gewählt, um den Klassenkampf, der zum Nachtheil der Arbeiter geführt werde, entgegenzutreten. Man schüre den Haß gegen die Juden nur, um den Arbeiter auf falsche Bahnen zu lenken und stelle hiezu hauptsächlich die Behauptung auf, daß der Jude sein Einkommen nicht durch persönliche Thätigkeit erzeuge, sondern infolge vom verwerflichen Handel und verwerflichen Wucher. Sei mitunter der Handel der Juden ein unwürdiger, so müsse auch das Einkommen der christlichen Schacherer als ein unwürdiges bezeichnet werden. Um solche Zustände zu beseitigen, sei nicht der Klassenkamps gegen eine einzelne Religionsgemeinschaft zu schüren, sondern dazu bedürfe es einer vollständigen Umgestaltung der Dinge, wie sie von der Sozialdemokratie gefordert werde; dann würde der Einzelne nicht mehr in der Lage sein, auf Kosten der Uebrigen große Reichthümer aufzuspeichern und jedes unproduktive Einkommen würde dann wegfallen. Es sei feststehende Thatsache, daß in derselben Weise wie manche Israeliten auch andere Leute den unverschämtesten Schacher und Wucher treiben, woran das Wuchergesetz nichts geändert, denn durch daffelbe sei ebensowenig Wandel geschaffen, wie den Sozialdemokraten gegenüber dem Erlaß des Sozialistengesetzes. Das letztere müsse umgangen werden, weil es den natürlichen gesetzlichen Verhältnissen nicht entspreche. Nicht die Juden verschuldeten den Niedergang des Handwerks und des kleinen Grundbesitzes, sondern dies sei der Gesetzgebung zuzuschreiben, die für den Mittelstand nichts gethan, vielmehr nur für den Großgrundbesitz und das Großkapital eingetreten sei. Wenn daher die Antisemiten alle diese Mißstände auf die Juden abzuleiten suchten, so sei dies keineswegs christlich und man stehe nicht, wie man behaupte, auf dem Boden des Christenthums, sondern auf dem Boden des Egoismus. Wenn man gegen die Israeliten als Ausbeuter auftrete, so müsse dies in gleicher Weise gegen das Großkapital geschehen. Denn nicht nur die Hebräer drückten die Löhne und verschärften die Concurrenz, sondern das thäten auch andere Leute. Auch der Einwand, die Juden seien eine fremde Raffe, sei nicht stichhaltig, denn die Juden führten dieselbe Sprache, athmeten dieselbe Luft, stünden unter denselben Gesetzen, wie alle übrigen Staatsbürger und genössen neben denselben Wichten auch die gleichen Rechte wie jene. Das deutsche Volk würde sich deßhalb niemals in seiner Gesammtheit der antisemitischen Bewegung anschließen, und er, Redner, erhebe im Namen seiner Partei und des ganzen deutschen Volkes lauten Protest gegen die Beschuldigung, die Juden seien allein schuld an den wirthschaftlichen Mißständen; die letzteren seien vielmehr hervorgerufen durch die gesellschaftlichen Zustände, die dringend der Abänderung bedürften. Als der Redner unter großem Beifall geendet, bat Dr. König