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Der Israelit · 1889-05-16 · Heft 39 (16.5.1889) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 39 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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690 Geschmacklosigkeit, und ich muß leider sehr bestimmt pointiren, daß es ein katholischer Priester gewesen ist, der in diesem Hause sich zu einer solchen Rolle hergegeben hat. (Lebhafte, allgemeine Zustimmung.) Ich hielt es für meine Pflicht, dies besonders festzustellen, denn ich war außer Stande, meine Empfindungen zu bemeistern, die angesichts dieses Auftretens in mir erweckt worden sind. (Lebhafter, allgemeiner Beifall.) Der Minister erklärte sich sodann gegen die Uebertragung der Aufsicht über diese Theater an das Unterrichtsministerium, und verwahrte sich dagegen, als ob im Ministerium des Innern für diese Aufgabe weniger Sachkenntniß oder Patriotismus zu finden wäre. Der Minister sei auch für die Rücksichten der Moral empfänglich, aber man soll Kinder nicht in's Theater führen, die dort auch durch sogenannte patriotische Stücke vorzeitig erregt werden. Herr v. Baross widmete diesem Tyeile seiner Auseinandersetzung besonders warme Accente und kehrte wieder zur Oper zurück. Der Minister sprach hier Worte im Interesse der Hebung der ungarischen Hauptstadt, die man heute besonders in Oesterreich nicht ohne beherzigenswerthen Doppelsinn vernehmen wird. Wir wollen eine große, glänzende Hauptstadt für Ungarn, die besonders gegen Osten eine starke Position einnimmt. Sie muß nicht nur auf die einheimischen, sondern auch nach Außen eine starke Anziehungskraft ausüben. Sie muß nach Außen die Größe und Höhe der ungarischen Cultur verkünden (lebhafter Beifall), wie sie dies auch schon thatsächlich thut. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir unsere Hauptstadt in der Richtung des Orients verlassen, so gewahren wir, daß auf Tausende von Meilen Entfernung unser Land das einzige ist, welches auf der Höhe der westlichen Cultur steht. Vorläufig müssen wir es uns noch versagen, die Kunst aus Eigenem zu bestreiten» und das Ausland füllt unsere Lücken. Dieses Uebel wird mit der Zeit geringer, sobald die von uns geschaffenen Institutionen nur einige Stabilität erlangen werden. Es darf nicht geschehen, daß die Regierung diese Institute aus der Hand gebe, sie muß vielmehr darauf achten, daß ihre Organe, welche das öffentliche Vertrauen genießen, die Theater finanziell, geistig und künstlerisch heben. (Lebhafter Beifall.) — Unter dem Vorwände einer persönlichen Bemerkung, nahm Abg. Komlossh nochmals das Wort, um zu behaupten, daß der Minister, statt eine sachliche Kritik zu üben, ihn persönlich angegriffen und auf sein geistliches Gewand verwiesen habe. Die Rechte unterbrach hier den Redner mit dem Zuruf, daß er vom Worte abstehen solle. Komlossy ließ sich jedoch nicht irre machen. Wenn der Minister behauptet, daß er ein guter Katholik sei, so möge er auch jenes Princip achten, welches der Redner vertritt, denn Princip und Glaube müssen Zusammengehen. (Lauter Widerspruch.) Er sieht in den Worten des Ministers eine Insinuation, die er verdammen müsse. (Laute Ruse: Genug! Schweigen Sie!) Wenn der Minister ihm vorgeworfen habe, daß er Antisemit sei, trotzdem er auch katholischer Priester sei, so werfe er seinerseits dem Minister vor, daß dieser ein Judenfreund sei, trotzdem er im Rathe der Krone sitze. Der Minister möge beweisen, ob es nicht wahr sei, daß an der Oper mindestens 150 Juden angestellt sind. Solange aber hinter dem Minister der Abg. Wahrmann die Rolle des Heiligen Geistes spiele, so lange gebe er nichts auf die Reden des Ministers. Diese Anspielung, die im Hause mit sehr gemischten Empfindungen ausgenommen wurde, erklärt sich dadurch, daß Herr Wahrmann seit 21 Jahren knapp hinter der Regierungsbank seinen Platz im Parlament einnimmt. Beinahe einen noch komischeren Eindruck als diese Allussion machte die Zurechtweisung Komlossy's durch den Präsidenten P e ch y , der nichts anderes zu sagen wußte, als daß es geschmacklos sei, einen Abgeordneten mit dem Heiligen Geist zu vergleichen. Das richtige Wort fand wieder Minister Baross, der in seiner kurzen Rqsiik widerholte, daß er von dem, was er über Komlossy's Auftreten gesagt habe, umsoweniger etwas zurückzunehmen habe, als dieser katholische Priester in seinem Fanatismus nicht einmal davor zurückschreckte, etwas Sacramentales in seine Vergleiche einzubezkehen. — Sodann wurde die Theater-Subvention einhellig bewilligt. Italien. Rom. Brigarde - Oberst Ottolenghi ist zum Generalmajor avancirt. Er ist der erste ital. Israelit, der diesen hohen militärischen Rang einnimmt. Rumänien. Jassy. Die Zahl der Juden, welche in Rumänien ein öffentliches Amt bekleiden, ist so klein, daß zu berichten erwähnenswerth ist, daß Dr. W. Finkelstein als Arzt am hiesigen Gefängniß angestellt worden ist. Frankreich. Paris. Dem Oberrabbiner, Herrn Zadok Kahn, wurde bei der feierlichen Eröffnung der Pariser Ausstellung Sitz neben dem Erzbischof von Paris und dem protestantischen Bischof angewiesen. Herr Pavlowski, der Pariser Eorrespondent der antisemitischen russ. Ztg. „Novoye Vremja" hatte jüngst ein ganz merkwürdiges Abenteuer zu bestehen. Er kam in Petersburg zu einem Besuche an, hatte aber vergessen, daß er als Jude kein Recht zum Aufenthalt in dieser Hauptstadt hat. Bald nach seiner Ankunft erhielt er den Befehl, die Stadt binnen 24 Stunden zu verlassen. Das Amüsante bei jdieser Sache ist, daß der Herausgeber dieser Zeitung dieses den Juden auferlegte Verbot des Oefteren als nothwendig bezeichnete und zur Verschärfung desselben beigetragen hat. Feu Nle ton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Mit heiligem Eide hatte Orloffski Leah gelobt, daß er das Mögliche thun werde, um ihrem Vater die Freiheit zu verschaffen. Daß er bereits mehrfache vergebliche Versuche gemacht hatte, zu Gunsten des Verhafteten zu interveniren, das verschwieg er. Löwenstein's Angelegenheit stand zu schlecht, alle Jndicien lagen gegen ihn. Ein Grenzwächter hatte geschworen, ihn erkannt zu haben, als er mit einem Ballen Maare über die Grenze geschlichen und in seinem, ungefähr eine halbe Stunde von der Grenze entfernten Mirthshaus verschwunden wäre — und man hatte thatsächlich geschmuggelte Maare versteckt aus dem Bodenraum seines Hauses gefunden. Wer hätte da an seiner Schuld zweifeln können?

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