Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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691 Orloffski freilich zweifelte dennoch daran, hielt sich sogar überzeugt von seiner Unschuld. Doch was konnte dem Gefangenen der Glaube eines Einzelnen nützen? — Es war kaum ein Zweifel, er würde verurtheilt werden und zwar zur Deportation. Leah litt unsäglich. Der unablässig nagende Schmerz drohte die kaum Genesene aufs Neue auf's Krankenlager zu werfen, zusehends schwand sie dahin. Orloffski glaubte verzweifeln zu müssen. Denn er liebte sie, liebte sie unsäglich mit der Gluth der Leidenschaft des reifen Mannesherzens. Wenn sie stürbe! — o, wenn sie stürbe! — Er glaubte sie nimmer überleben zu können.- Aber wenn er sie am Leben erhalten wollte, mußte er ihren Vater befreien, um jeden Preis. — Und er hatte es sich bereits gelobt, er wollte ihn retten, und sollte es die Hälfte seines Vermögens kosten. Er hatte bereits einen Plan ersonnen; um einen überaus hohen Preis durfte er hoffen, Löwensteins Kerkermeister zu erkaufen, damit dieser denselben entweichen lasse. Doch wenn es ihm nun gelungen, ihren Vater zu befreien, so würde dieser seine Tochter von ihm fordern und diese würde zu ihren Eltern eilen und er würde wieder allein sein, ganz allein — mit der glühenden Leidenschaft im Herzen in der Einöde seines Besitzthums. Nein! nein! nein! — das durfte, das konnte nicht sein. — Man konnte nicht von ihm fordern, daß er die eigene Glückseligkeit untergrabe. — Ohne Leah vermochte er nimmer das Dasein zu ertragen. — Ihren Vater wollte er retten, doch nur unter der Bedingung, daß sie ihm bleibe — daß sie sein werde, sein über alles geliebtes Weib. — Mit diesem Entschlüsse trat er in ihr Zimmer. Sie lag auf der Chaiselongue, die Augenlieder deckten ihre Augen, aber sie schlief nicht. Thräne auf Thräne glitt über ihre bleichen, abgezehrten Wangen. Sie hatte den Major nicht bemerkt, obgleich er bereits ziemlich nahe vor ihr stand, sie mit leidenschaftlichen Blicken betrachtend. Wie war sie so schön! — so wunderbar schön! — Aber wie schien sie so unsäglich zu leiden! — Ein lauter hörbarer Seufzer entrang sich seiner Brust — sie hörte es nicht, sie war vollständig in ihren Schmerz versunken. Der Major trat noch näher an sie hinan und nahm ihre herabhängende Hand. „Guten Abend, liebes Fräulein", sprach er sanft. Langsam öffnete sie die Augen und blickte zu ihm empor. „Guten Abend", entgegnete sie leise. Er unterdrückte einen Seufzer, nahm einen Sessel und ließ sich möglichst nahe zu ihr auf demselben nieder. „Sie dürfen sich Ihrem Schmerz nicht so vollständig hingeben", fuhr er fort, indem er ihre Hand noch immer in der seinen hielt, „diese unablässige Trauer hat bereits Ihre Gesundheit untergraben, aber sie bedroht Ihr theures Leben." Sie zuckte verächtlich mit den Achseln. „Was soll mir das Leben?" flüsterte sie, „meine Eltern —" „Leah!" fuhr er auf. Er hatte ihre Hand, die er noch immer hielt, unwillkürlich heftig gedrückt und unwillkürlich hob sie den Blick und begegnete seinen in wilder, leidenschaftlicher Gluth auf sie gerichteten Augen. Hatte sie die Leidenschaft verstanden, die aus seinem Blicke sprach? — Eine leise Röthe überzog für einen Moment ihr bisher geisterbleiches Angesicht, ihre Augen schlossen sich wieder, während die momentane Farbe ihrer Wangen wiederum schwand — sie erschien noch bleicher als vorhin. — Orloffski sah ein, er mußte sich mäßigen. „Verzeihen Sie, liebes Fräulein, daß ich Sie erschreckt habe — aber auch Sie haben mich erschreckt — Sie dürfen nicht so wegwerfend sprechen von Ihrem Leben, das für mich das höchste Gut auf dieser Erde ist." „Sie scherzen", erwiederte sie kaum hörbar, ohne die Augen aufzuschlagen. „Nein, Leah, nein, ich scherze nicht", fuhr er mit wiederum steigender Leidenschaftlichkeit fort. „O, Kind! — Du weißt nicht —" „Verzeihung!" unterbrach er sich selbst, „ich habe Sie Du genannt — und beim Vornamen —" „Sie sind der Freund meines Vaters", versetzte sie, „Sie haben versprochen, sich für seine Befreiung zu bemühen. — Machen Sie meinen Vater frei und nennen Sie mich wie Sie wollen." Orloffski preßte beide Hände fest auf die Brust, es hämmerte in derselben plötzlich überlaut. „Und wenn ich Sie nun beim Wort nehmen würde?" flüsterte er endlich mit seltsam vibrirender Stimme, „Leah! — Leah! — wenn ich Sie beim Wort nehmen würde?" Sie fuhr zusammen und richtete sich hastig auf. „Was wollen Sie damit sagen?" stammelte sie, mit überströmenden Augen zu ihm emporblickend, „was wollen Sie damit sagen? — haben — haben Sie die Aussicht — ihn zu befreien?" Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, dann sagte er: „vielleicht —