Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1889)
- Date
- 1889-05-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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geistert, für die Zulassung der Juden zum Parlament sprach und er rastete nicht, bis dieselbe zum Gesetz erhoben wurde. Seine denkwürdige Rede in diesem Jahre im Hause der Gemeinen schließt mit den Worten: „Laßt uns zeigen, daß das Haus der Gemeinen in England offen ist für die Bürger Englands, und daß Jedermann, wessen Glaubens er auch sei, sobald er von dem Wahlkörper seiner Landsleute erwählt ist, in diesem Hause sitzen und in allen die Gesetzgebung dieses großen Königreiches betreffenden Angelegenheiten sein Stimmrecht ausüben möge." Als ein Mann der Bibel war er der lebendige Ausdruck und die Praxis aller erhabenen Tugenden, wie sie in diesem heiligen Buch der Bücher gelehrt werden. Als Quäker war er gegen die Ablegung eines Eides vor der Einnahme eines Sitzes im Parlamente. Eine einfache Erklärung, meinte er, sollte genügen, die jeder rechtschaffene Mann in diesem Hause in einem ehrlichen und gewissenhaften Geiste ablegen sollte. „Wir bestätigen blos, daß wir nichts thun wollen, was zu thun uns unmöglich ist." Sein Name als großer Redner, Wohlthäter und Beförderer des Friedens wird stets mit unauslöschlischen Zügen in den Annalen dieses Landes eingeschrieben bleiben. Er war sicher Einer von Jenen, von denen der Talmud sagt: p^n orb L" o^yn mow »TDn F e ir i l l e t o n. Uaschok! Skizze von S. Horowitz in Krakau. (Schluß.) Es dunkelte bereits, als die zahlreiche Gesellschaft sich zum Aufbruche anschickte und der Saal sich zu entleeren begann. Debora befand sich in einer nichts weniger als rosigen Gemüthsstimmung, denn im Kreise ihrer Genossinnen überkam sie mit überwältigender Macht das schmerzliche Gefühl der baldigen Trennung. Sie sollte nicht mehr den Tummelplatz ihrer Jugend schauen, nicht mehr den Umgang ihrer Bekannten genießen, sondern unter fremde Leute, nach einer unbekannten Stätte hinausgestoßen werden. Sie kam sich in der frohen Gesellschaft so verlassen, so nicht am Platze vor und die allgemeine Teilnahme, deren Gegenstand sie heute infolge der bereits stadtbekannten Berbannungsordre war, ließ sie ihr schweres Loos noch schmerzlicher empfinden. Paschol, klang es ihr in den Ohren uud Paschol , wiederholte es in ihrem Innern. Gebeugten Hauptes und ihre Thränen niederkämpfend, hüllte sie sich in ihre Shwal und Herr Alexis bot ihr seine Begleitung an. Ein stummes Kopfnicken ward ihm zur Antwort und schweigsam schritten sie anfänglich dahin. Der sonst so redegewandte junge Mann, fühlte sich wie verlegen und wußte nicht recht wie ein Gespräch einzuleiten. Er sah ihre Rührung, ihre fieberhafte Aufregung und seine Leichtfertigkeit wich einem bei ihm ungewöhnlichen Ernst. Die hohen, rauchgeschwärzten Fabriksschlöte wurden von den Strahlen der untergehenden Sonne mit purpurenen Tinten begossen, die Lust war so balsamisch und Debora's Brust entwand sich ein schwerer Seufzer. Jetzt schaute sie zu ihm empor, in ihrem blassen, zuckenden Gesichte, widerspiegelte sich ihre innere Erregung und mit der Wehmuth zitternder Stimme kam es über ihre Lippen. „Herr Baderoff, wir müssen scheiden." Alexis ergriff ihre Hand und wie ein Echo wiederholte er „scheiden." Auch er schien einen inneren Kampf zu kämpfen und fuhr fort. „Warum scheiden, warum sichtrennen? Bewegen Sie Ihren Papa, daß er seiner Religion entsagen und nichts steht seinem ferneren Verbleiben im Wege. Mein Vater, der, wie Ihnen wahrscheinlich bekannt, heute hier weilt, hat ihm denselben Rathschlag ertheilt und ihm sogar den Jahressalair auf 5000 Rubel erhöht. Warum sich also aus einer gesicherten, ja brillanten Stellung reißen und sich den Widerwärtigkeiten einer unsicher« Zukunft aussetzen, wenn man durch solch ein geringfügiges Opfer aller Sorgen baar werden kann? Ihnen wirder das nicht versagen, das Glück seines einzigen Kindes wird er nicht untegraben wollen, Sie werden weiter in unserer Mitte bleiben und ich, Fräulein Debora. . ." Er hielt jäh inne, denn sie machte eine gebieterische Handbewegung, eine fliegende Röthe bedeckte ihre Wangen, ihre Augen erglänzten in einem ungewöhnlichen Feuer, daß er sie sprachlos anstarrte. Die letzten goldigen Streifen spielten auf ihren Haarflechten, daß ihr Antlitz, wie von einem Glorienscheine umwallt erschien, ihre Gestalt schien zu wachsen und wie begeistert sprudelten die Worte über ihre Lippen: „Wie, mein Vater soll seine Religion aufgeben, soll des schnöden Mammons wegen das Allerheiligste mit Füßen treten, seine Vergangenheit und die unserer Vorväter verleugnen und ich, ich soll dazu behilflich sein; also solch' eine Meinung haben Sie von mir? Und Sie als Ehrenmann, als Mann von Grundsätzen, können dazu mit gutem Gewissen rathen? Müßten Sie nicht selbst die Abtrünnigen, des Geldes wegen zu Renegaten Gewordenen verachten? Sie,