Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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655 Feuilleton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Da sind meine Eltern nach Karlsbad gefahren?" Vollkommen glaubwürdig kam ihr die Geschichte nicht vor. „Ihre Mutter hat absolut nicht fort wollen von Ihnen, aber der Doctor hat gesagt, es wäre unbedingt nothwendig, daß sie sofort in die Kur fährt, denn der Schrecken, das können Sie sich wohl denken, hat ihr Leiden noch ärger gemacht. Ihr Vater hat vor lauter Sorgen gar nicht gewußt, was er anfangen soll. Und Sie wissen doch, mit dem Herrn Major ist Ihr Vater immer gut gestanden — wie oft hat nicht der Herr Major Ihren Vater rufen lassen, um mit ihm zu berathen, was er machen soll. — Und darum, in seiner Angst, ist Ihr Vater hierhergekommen, um mit dem Herrn Major zu berathen, was er thun soll. Und der Herr Major hat für Alles Rath gewußt, er hat gesagt, Ihr Vater muß mit Ihrer Mutter nach Karlsbad fahren, und bei ihr bleiben, solange sie die Kur gebrauchen muß. Denn, wenn die arme Frau ganz allein unter fremden Leuten sein würde, so könnte ihr, Gott behüte! vor lauter Angst ein Unglück zustoßen. Aber um Ihretwillen hat der Herr Major gesagt, könnten Ihre Eltern ganz unbesorgt sein, Sie sollten hier bei uns sein, und Sie sollten gepflegt werden und es sollte für Sie gesorgt werden, als ob Sie das Kind vom Hause wären. — Und so ist es auch geschehen. Ihre Eltern haben zwar Anfangs durchaus nicht fort wollen von Ihnen, aber der Herr Major hat ihnen so lange zugeredet, bis sie eingesehen haben, daß es so am besten ist für alle. Denn, wenn Ihre Mutter, will's Gott, gesund und frisch aus der Kur nach Hause kommt, so ist das doch für Sie das Allerbeste." „Freilich, freilich", sagte Leah tief Athem holend. „Wenn ich nur wüßte, wie es meiner Mutter jetzt geht — ist noch kein Brief von meinem Vater gekommen?" „Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, liebes Kind, da müssen Sie den Herrn Major fragen." „Wissen Sie vielleicht, wie lange meine Eltern in Karlsbad bleiben werden?" „Vermuthlich sechs oder sieben Wochen." „Und wie lange sind sie schon dort?" forschte Leah. . „Noch gar nicht so lange, sie waren ja nicht fortzubringen, solange Sie in Gefahr waren. Erst als der Doctor gesagt hat, er steht dafür, daß Ihnen bald wieder gut sein wird, da erst haben sic nachgegeben und sind abgereist." „Wie lange sind sie also schon dort?" „Warten Sie, was haben wir denn heute? — mir scheint Dienstag. Alsdann vorgestern ist es acht Tage geworden, daß sie abgereist sind. Dürften sie also jetzt ungefähr acht Tage dort sein. Aber der Herr Major hat versprochen, er wird öfters schreiben, wie es Ihnen geht. Das wird er denn wohl auch gethan haben." „Da wird mein Vater sicherlich auch geschrieben haben — vielleicht ist bereits ein Brief für mich gekommen." „Möglich wäre es schon — obzwar für wahrscheinlich halte ich es nicht — denn der Herr Doctor hat zu Ihrem Vater gesagt, das habe ich gehört, — er dürfte keinen Brief von Ihnen erwarten, denn Sie dürften sich noch lange Zeit nicht anstrengen, weder mit Briefschreiben noch mit Brieflesen." Leah athmcte wiederholt tief auf; was ihre treue Pflegerin ihr da erzählt hatte, gab ihr zu denken, und das Denken strengte sie an, sie war noch sehr, sehr schwach. — Frau Karawelawska trippelte im Zimmer umher, ordnete bald dieses, bald jenes und blickte dabei hin und wieder zu der Kranken hinüber, die träumerisch sinnend wie vorhin zu dem Apfelbaum hinansschautc, dessen Blätter noch immer langsam hernieder zur Erde schwebten. Frau Karawelawska war überaus zufrieden mit sich und mit all den Lügen, die sie der Kranken vorgeplaudert hatte. In ihrem ganzen Leben zusammen, so behauptete sie, hätte sie nicht so viel gelogen. Aber jetzt galt es vor allem, dem Major von» ihren Lügen zu berichten, denn cs war doch immerhin möglich, daß sich Leah bei ihm nach Nachrichten von ihren Eltern erkundigen würde; da mußte er wissen, was sie erdichtet hatte. Der Kranken waren die Augen zugefallen, das ungewohnte Sprechen und namentlich das Denken hatte sie erschöpft. „Armes Kind!" flüsterte Frau Karawelawska mitleidig, indem sie ein kleines Flacon, das Tannenduft enthielt, öffnete und die Luft des Zimmers wie mit Waldluft erfüllte. Dann verließ sie leisen