Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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654 f entschieden Stellung nehmen und erklären, daß sie ß an dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller E Bürger unter allen Verhältnissen fefthalte. Er ß schließt mit einem Appell gegen die Hetzereien der h Antisemiten und an die Einigkeit aller Bürger. — k Hostnig drückt den Wunsch aus, daß in gleicher k Weise auch vorgegangen werden möge, wenn von anderer Seite der Festsaal zu irgend einem „tendenf; ziösen" Zwecke gewünscht werden sollte. — Dr. v. Geitler drückt sein Erstaunen darüber aus, daß die Herren Antisemiten, die sonst immer zur peinlichen Sparsamkeit mahnen, nun plötzlich so viel Luft bekommen, Feste mit großem Kostenaufwande zu feiern. Der Antrag des Referenten auf Ablehnung wird sodann mit allen gegen die Stimmen der Herren Häufler, Grazer und Hostnig angenomnken. — Nachdem am 2. April d. I. die Leitung des deutschen Schulvereins an -den Gemeinderath mit dem Ersuchen herangetreten war, ihr den Cursalon und einen Theil des Stadtparkes znm Zwecke der Veranstaltung eines Schulvereinsfestes zu überlassen, beeilte sich der Vorstand des „SchulvereinS für Deutsche", ein ähnliches Gesuch dem Gemeinderathe zu überreichen, und zwar geschah dies schon am 4. April. Die betreffende Eingabe trug aber merk- £ würdigerweise das Datum des 5. (!) April. In > der heutigen Sitzung der neunten Section referirte nun Gemeinderath Noske über dieses Ansuchen um r Überlassung des Curfalons. Er führt zunächst aus, das Datum der Eingabe weise darauf hin, daß ' man es hier eigentlich mit einer kindischen Demonstra-; tion zu thun habe, indem die Antisemiten entweder f die Ueberlassung des Saales als eine Förderung ' ihres Vereinszweckes betrachten oder aus der Nichtüberlassung in gewohnter Weise Kapital schlagen f möchten. Nachdem der „Schulverein für Deutsche" h antisemitische Tendenzen verfolge, ein Gegenverein des Deutschen Schulvereins sei und zweifellos den i Antisemitismus auch in den Schulen zur Durchführung bringen möchte, überdies aber auch wegen ^seiner geringen Leistungen für die Schule keine Förp derung verdiene, wäre das Gesuch eigenlich abzur lehnen; um aber die Herren ihres Vergnügens zu * berauben und ihre Absicht zu vereiteln, aus einer Ablehnung Kapital bei der Bevölkerung zu schlagen, beantrage er die Genehmigung. Dieser Antrag - wurde denn auch, nachdem Häufler gegen die Bex gründung deffelben gesprochen, mit allen gegen Eine Stimme angenommen. England. London. Der kürzlich erfolgte Tod der Her- :■ zogin bon Cambridge ruft die Erinnerung an ein k Ereigniß wach, was sich im Jahre 1833, als noch die Personal-Union zwischen den Königreichen Großbritanien und Hannover bestand, zugetragen hat. Der Gemahl der Verstorbenen, der Herzog von Cambridge, bekleidete die Stelle des General-Gouverneurs von Hannover, wo derzeit Herr Dr. Nathan Adler Landrabbiner war. Kurz nachdem der Herzog sein Amt angetreten, erkrankte seine Gattin uud die Aerzte erklärten, daß menschliche Hilfe machtlos sei. Herr Dr. Adler ordnete ein Synagogengebet für die königliche Patientin an, das den Beifall des Herzogs in so hohem Maaße fand, daß er dem Rabbiner in einem herzlichen Dankschreiben 100 Friedrichd'ors übersandte. Sofort schickte der Rabbiner die Summe zurück mit der Bitte, dieselbe den Armen der Stadt zukommen zu lassen. Als nun der Herzog im Jahre 1845 erfuhr, daß der Chief-Rabbi Dr. Salomon Herschel gestorben sei und die englischen Gemeinden einen Nachfolger zu wählen beabsichtigten, suchte er den Baron Lionel von Rothschild auf, um Herrn Dr. Adler als denjenigen zu empfehlen, dem er selbst (der Herzog) die größte Hochachtung zolle und der ihm der Berufenste scheine, die Würde des Chief-Rabbi zu bekleiden. Bekanntlich ist Dr. Adler in der That gewählt worden. — Die Herzogin von Cambridge war die Tochter Wilhelms IX., des Landgrafen, späteren Kurfürsten von Hessen, an dessen Person sich die in den verschiedensten Formen erzählte Legende vom Ursprünge des Vermögens der Familie Rothschild knüpft. Wie Alexander Weill im Pariser „Figaro" auf Grnnd von Aufzeichnungen der Herzogin mittheilt, hatte der Landgraf bald nach seinem Regierungsantritte Mayer Anselm Rothschild zu seinem Ober-Hofagenten ernannt und mit der Verwaltung seines ungeheuren Vermögens betraut, das derselbe zumeist in englischen Werthen anlegte. Damals etablirte sich Mayer Nathan Rothschild, der dritte Sohn des Oberhofagenten, in London und vermittelte dort für die dänische Regierung eine Anleihe von vier Millionen Thalern, ein Beweis, daß das Haus Rothschild bereits damals auf dem Weltniarkte eine hervorragende Rolle spielte. Als der Landgraf 1806 vor Napoleon flüchten mußte, übergab er seinem Hofagenten den Rest seines Vermögens (600,000 engl. Pfund), die Mayer Anselm sofort nach London schMe. Als er 1812 starb, traten seine Söhne zusammen und gaben dem Kurfürsten diese Summe, für die er keine Empfangsbescheinigung ihres Vaters besessen, nebst den Zinsen zurück. Letztere wurden jedoch nicht angenommen. Seitdem blieb das Haus Rothschild Hofbank des Kurfürsten, der 1818 der Herzogin von Cambridge durch dessen Vermittlung die Mitgift auszahlen ließ.