Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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m 653 zollernfürsten morden wollten, und deren Joachim I. siebzig an einem Tage hängen ließ; cs ist ja höchlich interessant, jene Herren die Revolution verdammen zu sehen, deren Bundesbrüder noch vor wenigen Wochen in Wien nach Art des Straßen- . gesindels plünderten, raubten und Steinen warfen, und welche mit Kanonenschüssen und Barrikadenkämpfen die Judenfrage lösen möchten. Ja, ihr Ritter mit der antisemitischen Vernunft, wir Juden sind die Todfeinde der Revolution, denn wir bekämpfen Euere Judenhetze! Wir haben nicht die französische Revolution, sondern die Zeit freudig begrüßt, welche die Geknechteten erlöste. Es ist ja traurig, aber wahr, daß nur erschütternde Bewegungen im Leben der Völker das Schicksal der Juden erleichtert haben, und daß jeder Schritt ihrer Menschenrechte blutig erkämpft werden mußte; so war es vor hundert Jahren in Frankreich, so war es 1848 in Deutschland. Nichtsdestoweniger verdammen wir derartige Mittel. Die Erinnerung an die Emancipation der französischen Juden mag der Hetzgesellschaft allerdings unbequem sein, aber wahr bleibt es doch: ein Jahrhundert ist dahin, daß man anderswo mit dem Schutt aufräumte, daß ein Erlösungsschimmer in die Nacht der Unglücklichen einfiel, daß die Donnerschläge der Geschichte an die Thore der Ghetto's zu pochen begannen, und wir preisen das gütige Geschick, daß „die hundertste Wiederkehr dieses Tages nicht mehr das beschämende Schauspiel eines gegen die Sache des Rechts eifernden Priesters schauen wird." Bl. Berlin, 6. Mai. Mit dem Eintreten der warmen Jahreszeit häufen sich, wie alljährlich, für die r u s s i s ch e n Juden die Schrecken aller Schrecken, die verheerenden Brände. Ich habe Ihnen in einem Telegramm die hiesigen Blättern zugegangene Meldung bereits übermittelt, daß das Judenviertel des russischen Ortes Sandomierz im Gouvernemente Radom niedergebrannt sei und tausende Glaubensgenossen brod- und obdachlos umherirrten. Heut Abend geht den Blättern thelegraphisch die folgende Schreckenskunde von einem zweiten Brande zu: „Die Stadt Zwiahylna im Gouvernement Wilna ist durch eine große Feuersbruuft fast gänzlich eingeäschert worden. Hunderte von Familien, meist Juden, find obdachlos; das Elend ist groß." — Eine Anzahl rühriger Mitglieder der hies. jüd. Gemeinde hat eine Bewegung für die im Herbst stattfindenden Repräsentantenwahlen in's Leben gerufen. In den verschiedenen Stadttheilen haben bereits Versammlungen stattgefunden oder werden solche, wie am 14. d. M. im Norden, noch stattfinden. Die Parole der Bewegung lautet: „Neue Synagogen und Religionsschulen!" — Der Vorstand der hies. jüd. Gemeinde hat zur Erweiweiterung der G emeindeb ureaux, wie wir hören, zwei an die neue Synagoge grenzende Grundstücke in der Oranienburgerstraße angekauft. — Hofprediger Stöcker, gegen den Pastor Witte in diesen Tagen eine neue Streitschrift veröffentlicht hat, wird am Freitag Abend wieder zum ersten Male öffentlich sprechen; man darf auf den Inhalt der „nichtpolitischen" Rede gespannt sein. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien. Im Monat März hat bekanntlich Gemeinderath Vetter den Antrag auf Abhaltung eines „christlich-patriotischen Festes" im Festsaale des Rathhauses als Demonstration gegen die Centennarfeier der französischen Revolution im Gemeinderathe eingebracht. Gemeinderath Noske, der heute in der neunten Section über diesen Antrag referirte, betonte vor Allem, daß nach den Erklärungen der Rathhausbau-Commission der große Festsaal im Laufe des heurigen Sommers noch nicht benützbar sei. Es sei aber, abgesehen davon, in Rücksicht zu ziehen, daß der Festsaal keine ausschließlich von christlichen Steuerträgern hergestellte Kirche, sondern ein Theil des von allen Gemeinde-Angehörigen erbauten und bezahlten Rathhauses sei, daher es nicht angehe, denselben als Einer Konfession gehörend gewissermaßen zu escamotiren. Was die Demonstration gegen die Prinzipien von 1789 betreffe, so sei zu erwägen, daß die Gemeinde sich nicht dazu hergeben dürfe, gegen Ideen zu demonstriren, welche derzeit die Grundlage aller Staatsverfassungen und auch jener Verfassung bilde, welche es den Antisemiten überhaupt ermögliche, derartige Anträge zu stellen. Nachdem in diesem Falle die Antisemiten zum erstenmale in offizieller Weise an den Gemeinderath herantreten , sei es umsomehr Pflicht desselben durch seinen Beschluß die Gleichberechtigung aller Bürger anzuerkennen; demgemäß ,'beantrage er die Ablehnung. — Häufler erklärt sich nicht gerade mit dem Anträge Vetter einverstanden; er halte es aber doch für gut, „gelegentlich" ein patriotisches Fest im Rathhause abzuhalten, damit man sehe, daß die Bevölkerung Wiens doch noch nicht ganz — „verjudet" sei. — Boschan meint, man müsse den „platonischen" Anrisemitismus von dem „praktischen" unterscheiden. Wenn Jemand zum Beispiel nicht nach Vöslau ziehen wolle, weil dort zu viel Juden wohnen, so sei dies Sache des Betreffenden. Gegenüber dem praktischen Antisemitismus aber, der die Gleichberechtigung der Confefsionenen bestreitet und seine Grundsätze der Gemeinde, Land nnd Staat zur Geltung bringen wolle, müsse die Gemeinde