Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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652 ist, werden freilich auch bei den folgenden Nachweisen den Muth und die Unverfrorenheit finden, zu sagen: „ja, die rumänischen Israeliten können und wollen arbeiten und sie thun es auch, aber — die anderen nicht." Dies wird aber nur der uralte, mir schon von der Schule her bekannte Sophismus, die billige Redensart auch so manches „wohlwollenden" Christen sein, wonach immer nur der Jude gut, lebensfroh re. ist, den man gerade vor sich hat, was der Reihe nach allen Bekannten wiederholt wird, so daß, wenn man alle die Einzelurtheile zusammennähme, sich knapp und klar Herausstellen müsse, daß selbst nach christlicher Meinung eigentlich kein einziger Israelit zu tadeln ist. Nach vorstehender Erfahrung und unserem besseren Wissen aber wollen wir die Einzelurtheile von vornherein als Gesammturtheil auffaffen und mit Nachstehendem belegen, ohne uns um bewußte oder unbewußte falsche Beschuldigungen zu kümmern. Der Zeit und noch privatim zu thuenden Schritten überlasse ich es, daß diese Abhandlung ihren Zwecken nach die erwünschte Wirkung ausübe. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Mai. Unsere Ausführungen über den Rücktritt Stöckers scheinen m der politischen Presse nicht unbeachtet vorübergegangen zu sein, wenn uns ein Schluß aus den Commentaren gestattet ist, mit welchen die konservativen Blätter den Abdruck des betreffenden Aufsatzes im „Israelit" begleiten. Da man aber bekanntlich kein Wort über. die antisemitische Bewegung schreiben kann, ohne absichtlichen Verdrehungen zu begegnen, so fordern auch heut die gegen uns gerichteten Angriffe jener Blätter zu Entgegnungen heraus. So lesen wir in der sreikonservativen „Post" u. A. die folgenden Sätze: „Während die reinen Antisemiten, wie wir gestern sahen, Herrn Stöckers Rücktritt als ein Glück für die antisemitische Bewegung betrachten, erklärt ihn ein specifisch jüdisches Blatt, der von uns schon verschiedentlich citirte „Israelit" und „Jeschurun", für deren Tod. Der „Israelit" erblickt eine „Fügung" darin, daß gerade in dieser Zeit das Ereignih eingetreten sei: „Die Verdammung Stöckers durch Kaiser Friedrich hätte dem Verurtheilten in gewissen Kreisen den Glorienschein des Märtyrers um das Haupt gewoben; die Regierungstage des Fürsten mußten kommen, den die Anhänger Stöckers verlogener Weise als einen Judenfeind verdächtigen, und — d er jauchzende Agitator fällt! — Officiell ist er gefallen, mag er seine Rolle als Abgeordneter weiter spielen oder nicht. Mit dem Abgang des Herrn Stöcker ist auch die antisemitische „Berliner Bewegung" tobt, und es ist hohe Zeit, daß sie sich begraben läßt. Am 5. Mai wirb die Welt den Tag festlich begehen, wo vor hundert Jahren mit dem Zusammentritt der Reichsstände in der französischen Hauptstadt jene Morgenröthe anbrach, welche den Gedrückten die Sonne der Gleichheit hell aufstrahlen ließ: die hundertste Wiederkehr dieses Tages wird nicht mehr das beschämende Schauspiel eines gegen die Sache des Rechts eifernden Priesters schauen." Im Zusammenhänge mit diesen Sätzen fordert die „Post" ihre Leser auf, einen Hymnus zu lesen, mit dem die „Frankfurter Zeitung" die bevorstehende Eröffnung der Pariser Ausstellung als Erinnerungsfeft der Revolution begrüßt. Was die „Post" verschämt andeutet, wagen „Reichsbote" und „Kreuzzeitung" mit einer rührenden Unverschämtheit auszusprechen, daß der Hinweis des „Israelit" auf die „Morgenröthe" der französischen Revolution und zugleich auf den heutigen „Kampf des Judemhums für das Recht" sehr bemerkenswert^ sei. Es fällt uns natürlich nicht ein, Blättern von dem Charakter des „Reichsboten" und der „Kreuzzeitung" ernstlich zu antworten, doch der „Post", welche sich sonst in vornehmen Grenzen hält und sich durch eine anerkennenswerthe Objektivität auszeichnet, wollen wir eine Antwort angedeihen lassen. Die Logik des Blattes ist wahrhaft zwerchfellerschütternd. Weil wir dem freudigen Gefühle Ausdruck gaben, daß die Centennatfeier der Emancipation der französischen Juden nicht mehr das unerquickliche Schauspiel eines hetzenden Priesters schauen würde, hätten wir die Revolution verherrlicht, ergo: der „Israelit" und alle Israeliten sind Revolutionäre! Wäre dieses Wort nicht so verdammt gescheidt, man wäre versucht, es herzlich dumm zu nennen; ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode. Dahin zielen ja die Bemühungen der„Kreuzzeittung" und Consorten, die Juden als revolutionär, als staats- und vaterlandsfeindlich zu verdächtigen, das ist ja die Kampfmethode der Herren von der Zunft, uns eine „Reichsfeindschaft" aufzulügen, die gar nicht existirt. Jeder Jude ist für seine politische Haltung allein verantwortlich, unsere Religion dictirt keine politische Ueberzeugung, und nur die Theilnahme an revolutionären Bestrebungen untersagt und verdammt der Glaube. Wir sollten Freunde der Revolution sein? Unser ganzer Kampf gegen die antisemitische Propaganda ist janichtsweiter als ein K a m p f g e g e n d i e R e v o l u t i o n, der Antisemitismus der „K r e u z z e i t u n g" ist ja in seinen Forderungen und Zielen ausgesprochen revolutionär. Wir verübeln das den Kreuzrittern nicht, denn erbliche Krankheiten sind bekanntlich unheilbar. Es entbehrt ja nicht eines gewissen Reizes, jene Herren über die Revolution heulen zn sehen, deren Ahnen einst in frechem Muthwillen ganze jüdische Gemeinden niedergeschlachtet haben, die einen Hohen-