Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447983--28478-2476163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
650 sondern ^auch auf die schriftliche. Diese wäre uns ein verschlossenes Buch, wenn die Tradition uns nicht in ihr Verständniß einführte. Im Laufe der Zeiten ist auch die mündliche Lehre medergeschrieben worden; aber trotzdem ist sie eine mündliche Lehre geblieben, die nurAdurch das lebendige Wort weiter tradirt und verständlich gemacht werden kann. Der Träger dieser heiligen Lehre ist ganz Israel, nicht nur die Gelehrten in unserer Mitte, sondern auch die Ungelehrten. Wie mancher Ungelehrte hat schon wichtige Dinge von Andern beobachtet und bewahrt, in Bezug auf die er später das Urtheil der Gelehrtesten berichtigen konnte! Da aber die Thora das ganze Gebiet des Wissens umfaßt, so kann man in Bezug auf sie nicht nur von Glaubensgenossen, sondern von jedem Menschen lernen. Wie nothwendig ist doch die Bekanntschaft mit der Landwirthschast für das richtige Verständniß des ganzen Seder Sera'im; für einen Abschnitt des Traktats Sabbat (mwi '“0 ist die Bekanntschaft mit dem Weberhandwerke nothwendig; mathematische Kenntnisse sind unerläßlich für das Studium des Traktats Erubin, astronomische sind nothwendig für das Verständniß des Traktats Rosch Haschanah und so fort. Nur der Thor vermeint, durch seinen eigenen Verstand alles ergründen zu können; der Chacham aber ist stets bereit, sich belehren zu lassen. So sagt auch der weise König (Mischle, Cap. 12, V. 15): Dm mtj/p yowi bm “pi „Der Weg des Thoren ist gerade in seinen Augen, aber auf Rath hört der Weise." Daher ist nur der ein Chacham, der von jedem Menschen zu lernen sucht. Unsere Weisen erzählen uns in Bezug hierauf (Jdioth, Cap. 1, Mischnah 3) ein drastisches Beispiel. Die größten Männer ihrer Zeit waren Hillel und Schammai. In Bezug auf das Tauchbad gab es zwischen ihnen eine Meinungsverschiedenheit. Da kamen in das Lehrhaus zwei Weber, die am Schuttthore in Jerusalem wohnten, und bezeugten, daß Beider Ansicht nicht die richtige sei, sondern daß sie eine andere, divergirende von Schemaja und Abtalion gehört hätten. Und siehe, die Weisen des Zeitalters, bestätigten die Aussage der beiden Weber vom Schuttthore und bestimmten sie für alle Zeiten als Halachah, entgegen den Ansichten des Fürsten Israels und des Präsidenten des großen Synhedrion. Das Weberhandwerk war im Alterthum bis fast zu unseren Tagen, jedenfalls bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, ein verachtetes Geschäft; der Wohnort der beiden Weber, am Schuttthore, läßt auch nicht auf eine hervorragende Stellung schließen, und dennoch verdanken wir den beiden Webern vom Schuttthore die Feststellung einer außerordentlich wichtigen Halachah. Hieraus lernen wir, daß das ganze Wesen unserer heiligen Thora ein traditionelles ist. Hillel und Schammai waren die weisesten Männer ihrer Zeit, die beinahe an die Größe der Propheten hinanragten; nicht minder groß und bedeutend waren viele ihrer Genossen und Schüler. Sie alle, so lehrt Rabbi Abraham ben David, suchten die betreffende Halachah nach den Ergebnissen ihres Nachdenkens und durch Folgerungen, die als Beweise gelten sollten, festzustellen; aber sie mußten die Ergebnisse ihrer Forschung zurücktreten lassen vor dem Zeugnisse der beiden Weber vom Schuttthore; denn die Gesetze der Thora hängen nicht von dem Scharfsinne der Menschen ab, sie bedürfen vielmehr der Tradition. Es ergibt sich daraus die große Lehre, daß der Mensch sich nicht auf seinen Scharfsinn verlassen soll; wer den eigenen Scharfsinn der Tradition unterordnet und das Wissenswerthe von jedem Menschen zu lernen sich bemüht, der ist der wahrhafte Chacham. Von ihm heißt es (Mischle, Cap. 3, V. 13): „Heil dem Manne, der Weisheit gefunden!" Und ferner (daselbst Cap. 28, V. 26): „Wer vertraut auf sein eigenes Herz, der ist ein Thor; wer aber in Weisheit handelt, der wird errettet werden." Ferner (daselbst Cap. 14, V. 16): „Der Weise ist mißtrauisch gegen sich selbst und weicht vom Bösen; aber der Thor wird zur Sünde verleitet, weil er sich zu viel vertraut." — Wer daher von jedenk Menschen zu lernen sich bemüht und dadurch von Tag zu Tag seine Kenntnisse erweitert, der wird die Wahrheit finden und seinen Lebenswandel danach einrichten; er ist der wahrhaft Weise; wer aber nur dem eigenen Forschergeiste vertraut, der wird nur zu leicht dem Jrrthume verfallen und zur Sünde verführt werden. Mit Recht sagt daher ben Soma: Wer ist weise? Derjenige, welcher von jedem Menschen lernt. Nach der Ansicht des Rabbi Herz Wesel wollte ben Soma in dieser unserer Mischnah den landläufigen Vorstellungen von Weisheit, Heldenthum, Reichthum und Ehre entgegentreten. Nicht das ist Weisheit, Heldenthum, Reichthum und Ehre, was der gewöhnliche Mensch darunter versteht, sondern etwas Größeres, Höheres, wie wir es von dem Begriffe der Weisheit bereits nachgewiesen haben und wie wir es von den andern drei hier erwähnten Eigenschaften unter göttlichem Beistände noch Nachweisen werden. Zunächst jedoch müssen wir nns mit der von ben Soma angeführten Beweisstelle aus der heiligen Schrift beschäftigen. (Fortsetzung folgt.)