Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447983--28477-2476162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXX. Jahrgang. M 37. Israelit««-. Zeschurun. Zrttslyrist m Fördemg W. (Stiftes uiiD W. Lebens ln Ws. Gmelnde Mb Mole. Aentrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 9. Mai 5649 (1889). Leitende Artikel Die Sprüche der Water. Viertes Buch. III. Mainz, 6. Mai. Nachdem wir die erste Frage beantwortet, warum ben Soma geväde diese vier Eigenschaften und nicht noch andere m Betracht zieht, wollen wir zur Besprechung der tjnzelnen Theile übergehen. „Wer ist weise? Derjenige, welcher von jedem Menschen lernt; nenn so heißt es (Psalm 119, V. 99): Durch alle meine Lehrer habe ich Vernunft erlangt, denn deine Zeugnisse bilden meine Unterhaltung." Die Einwände, welche wir im ersten Kapitel gegen die Fassung dieser Sentenz erhoben haben, werden durch die Erklärung des Rabbi Herz Wesel beseitigt. Nach ihm ist der Ausdruck rnn auf diejenige Bedeutung zu beschränken, in welcher die heilige Schrift ihn immerwährend anwendet, und zwar immer nur in gutem Sinne. Darnach bezeichnet das Wort nicht einen weisen Mann, der außerordentlich viel gelernt hat und alle Welt zu belehren im Stande ist; es hat vielmehr eine Bedeutung, die wir durch ein deutsches Wort nicht genau wiedergeben können, der aber die Bezeichnung „vernünftig" nahekommen würde. So heißt es (Koheleth Cap. 4, V. 13): ^’ddi ipT *£dd ddnt pdd -6* did „Besser ist ein dürftiges, aber vernünftiges Kind, als ein alter und thörichter König." Wir ersehen aus diesem Citat, daß das Wort nicht einen gelehrten, vielwissenden Mann bezeichnen kann, da es als Prädicat einem Kinde oder Jüngling, beigelegt wird. — Ferner heißt es (Mischle, Cap. 13, V. 14): ms 'vpnn nok ,D"n npD DDn min „Die Lehre des Weisen ist eine Quelle des Lebens, fern zu bleiben von den Schlingen des Todes." Dieser Vers lehrt uns die praktische Bedeutung der Weisheit, von welcher Salomo spricht. Nicht die gesammelten Kenntnisse auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, der Astronomie, der Mathematik, der vielgestalteten Naturwissenschaften, nicht die Bekanntschaft mit den alten und neuen Sprachen rc. lehren uns, das ewige Leben zu erringen und der Vernichtung zu entgehen. — An einer andern Stelle heißt es (Mischle, Cap. 10, V. 14): njn nvw d’ddh ronp nnnD bns ’si „Die Weisen halten die Erkenntniß zurück, aber der Mund des Thoren bringt ihn in Verlegenheit." Hieraus lernen wir, daß der DDn nicht immer mit der Belehrung bei der Hand ist, sondern dabei sehr vorsichtig verfährt, während der Thor durch allzuschnelle, vorwitzige Auskramung seiner vermeintlichen Kenntnisse sich Verlegenheit bereitet. Wir finden auch das Wort in der Bedeutung „klug". Da der sterbende König David seinem Sohn und Nachfolger die Bestrafung des Schimäi anempfiehlt, sagte er zu ihm (1. B. d. K., Cap. 2, V. 9): m njrri nnN DDn ttr>s ’D )b rwyo nwx „Du bist ja ein kluger Mann und wirst wissen, was du ihm thun kannst." — Aus allen diesen Citaten lernen wir, daß das Wort Chacham in der heiligen Schrift nicht einen Mann bezeichnet, der außerordentlich viel gelernt hat und in Folge dessen außerordentlich viel weiß, sondern einen solchen, der das Streben hat, die in unserer heiligen Thora enthaltenen Lehren in der Absicht sich anzueignen, um sein Leben und sein Thun danach einzurichten. Diese heilige Thora ist aber in ihrem ganzen Wesen nach traditionell. „Moscheh empfing die Thora vom Sinai und überlieferte sie dem Josua und so fort bis auf den heutigen Tag. Das bezieht sich nicht nur auf die mündliche Lehre,