Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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619 noch zwei Schauermähren gebracht, in denen cs nachzuweisen suchte, wie unstillbar der Durst Israels nach Christenblut sei, und daß die Juden kein Osterfest begehen können, ohne zugleich ein halbes oder ein ganzes Dutzend Christen hinzuschlachten. So habe der Rabbiner von Kremsier mit der Bahn eine Kiste aus Galizien erhalten, in der ein Christenmädchen lag, dem der Mund mit Spagat zusammengenäht gewesen wäre und das noch fürchterlich stöhnte, während in Ungarn zwei jüdische Hausirer einem christlichen Arbeiter 80 fl. verabreicht hätten, damit er ihnen gestatte, seinem schwängern Weibe etwas Blut abzuzapfen. Aber alle diese gruseligen Geschichten nützten nichts, denn die Wiener wollten sich durchaus zu keinem Krawalle gegen die Juden hergeben, und unsere christlichen Taglöhner oder Handwerker lachten zu diesen haarsträubenden Erzählungen des Antisemitenblattes und gingen auch heute wohlgemuth und ohne Angst für ihr Blut und Leben in die jüdische Volksküche, um sich die vortrefflichen Gerüchte derselben recht munden zu lassen. Und sie hatten sich diesmal nicht getäuscht, diese Armen und Hungrigen! Denn diese Speisen in der Volksküche waren heute wirklich vortrefflich und auch die Portionen ließen, trotz des Peßachfestes, an Größe nichts zu wünschen übrig. Man wird es daher dem Vorstande dieser Anstalt nicht verargen, wenn derselbe, in Anbetracht, daß am Peßach doch Alles theurer ist, Fleisch, Mazzos, Gemüse, Eier, Gewürze2c. die Preise um 4 Kreuzer — ermäßigte, damit auch der Aermste kein Chometz (nicht nach ritueller Art zubereitete Speisen) zu essen brauche und sich zu Ehren des Festtages ein ausgiebiges und kräftigendes Essen gönnen könne. Kostet das Mittagmahl (Fleisch, Gemüse, Mehlspeise und Brot) gewöhnlich 23 Kreuzer, so kostet es am Peßachseste blos 19 und dabei bekam man noch so viel Mazzos, daß man mehr als genug hatte. Es gab am ersten Tage Kalbsbraten, Erdäpfel und Knödel, am zweiten Rindspollasch, Erdäpfel und Pfannkuchen, am dritten Fleisch, Spinat und Knödel mit gehackten Lungen rc. Nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Familien konnten sich anonym ihr Essen aus der Volksküche holen lassen, damit Niemand beschämt zu werden brauche, und sah ich selbst mehrere Frauen, wie sie mit dem Körbchen am Arme, in dem die Speisen standen, heimwärts eilten, um nun dem Gatten und den hungrigen Kindern das Mittagsessen vorzustellen. Im Speisesaale standen Mittags und Abends D'nwo (Aufseher), welche darauf zu achten hatten, daß keiner der christlichen Gäste sich Brot mitbringe, und hatte der Vorstand gedroht, daß er in diesem Falle die Volksküche augenblicklich schließen würde. An den zwei ersten Peßachabenden wurde für die Soldaten der Seder gegeben und hatte dabei ein jeder derselben seine Hagadah und sein Glas Wein vor sich stehen. Nebstdem hatte unser Cultusvorstand an den beiden ersten Festtagen auch circa dreihundert jüdische Handwerker gespeist und wurden dieselben, da es in der Volksküche an Raum für sie mangelte, beim Restaurateur Weiß angedungen, der dafür, soviel ich hörte, 900 fl. erhielt. Man kann daher im Allgemeinen sagen, daß, trotzdem es hier Tausende von Armen gibt, keiner derselben am Peßach Hunger leiden oder unfreiwillig Chometz essen mußte. Cultusvorstand und Volksküche haben so vereint gewirkt, damit jeder Arme, auch die Verschämten, angenehme Festtage verbrachte, ünd dabei wurde zugleich auch ein großer Kiddusch Hasch em (Verherrlichung des Namens Gottes) vollführt. So wurde Gottes Gebot getreulich vollzogen: 'w 1:21 nnx *pna nncun „Freue Dich an Deinem Feste, Du, Dein Sohn, Deine Tochter, Dein Knecht, Deine Magd, der Levite, der Fremde, die Waise und die Wittwe in Deinen Thoren." Bistritz, 24. Nissan. In einer der jüngsten Nummern des „Israelit" findet sich ein Bericht über die Zustände mehrerer Gemeinden in Siebenbürgen, welcher in Bezug auf Würhely, einer Filiale meines Rabbinatsbezirkes, einige sehr wesentliche Unrichtigkeiten enthält, so, daß ich nicht umhin kann, denselben mit einigen Worten zu widerlegen, ohne selbstverständlich auf die historischen Daten 2c. zu reagiren. Es ist wahr, daß vor 4—5 Dezennien noch im obbezeichneten Dorfe eine nicht unbedeutende jüdische Gemeinde war. Die mir übermittelten Matrikel, welche noch mit dem Siegel des „E r z r a bb i n e r s" von Siebenbürgen versehen waren, zeigen sogar, daß auch in dieser Beziehung musterhafte Ordnung gewaltet hat. Unrichtig ist aber die Angabe von den „Gemeindebauten", die nie renovirt wurden. Die Gemeinde hatte nichts als eine auf „herrschaftlichem" Grund erbaute Synagoge und eine Domestikenwohnüng. Die Eigenthumsfrage des Grundes ist noch heute nicht gelöst. Der Wahrheit nicht entsprechend sind die Angaben, daß die große (?) Synagoge öde und leer mit zertrümmerten Thüren und Fenstern dasteht, und daß nt^n im Innern des Vieh lagert! Noch heute besteht in Warhely eine kleine Filialgemeinde, welche einen vorzüglichen rb^n a"w und bw erhält und noch heute wird an o"n na* in der, den Umständen angemessen, gut erhaltenen